Portrait von Linda Heitmann
Linda Heitmann
BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN
85 %
22 / 26 Fragen beantwortet
Zum Profil
Frage von Christina W. •

Wie stehen Sie zu dem aktuellen Gesetzentwurf, der eine Widerspruchsregelung bei der Organspende einführen würde?

Portrait von Linda Heitmann
Antwort von BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Sehr geehrte Frau W., 

vielen Dank für Ihre Anfrage. 

Die Debatte um die Organspende berührt eine der persönlichsten Fragen überhaupt: die Auseinandersetzung mit Leben, Tod und der Entscheidung, ob man nach dem eigenen Tod anderen Menschen mit den eigenen Organen helfen möchte. 

Obwohl in Deutschland Umfragen zufolge viele Menschen zum Spenden bereit sind, haben immer noch zu wenige ihren Willen dokumentiert. Denn: Sich damit zu befassen und einen Organspendeausweis auszufüllen oder sich ins zentrale Organspenderegister einzutragen, kostet Kraft und Zeit. Viele Menschen schieben diese Frage deshalb vor sich her. 

Das ist fatal: Jede Organspende ist wichtig, denn sie kann Leben retten und schweres Leid lindern. Organspende verdient maximale Unterstützung. Sie verdient aber ebenso maximalen Respekt vor der Selbstbestimmung jeder einzelnen Person. Denn bei einer so existenziellen Entscheidung wie der Bestimmung über den eigenen Körper nach dem Tod, darf Schweigen aus meiner Sicht nicht automatisch als Zustimmung zur Organentnahme und -spende gelten. Selbstbestimmung bedeutet, sich bewusst für oder gegen eine Organspende zu entscheiden oder im Zweifel auch zu dokumentieren, dass man die Entscheidung noch nicht final getroffen hat. Dafür kann es viele persönliche, religiöse, ethische oder familiäre Gründe geben. Und all diese Gründe sind legitim. Eine Nicht-Entscheidung darf nach meiner Überzeugung nicht zu möglichen persönlichen Nachteilen führen. 

Ich setze mich gemeinsam mit anderen Bundestagsabgeordneten der demokratischen Fraktionen im Deutschen Bundestag deshalb für die Freiwilligkeit bei der Organspende und eine Kultur der aktiven und informierten Zustimmung ein. Wir fordern die Bundesregierung in unserem Antrag auf, aktiv darauf hinzuwirken, dass Menschen möglichst zeitnah nach dem 18. Geburtstag eine Entscheidung zum Thema Organspende treffen und dokumentieren. Das heißt: Menschen sollen sich weiterhin freiwillig, selbstbestimmt und gut informiert für oder gegen eine Organspende entscheiden können, aber es sollen Mechanismen gefunden werden, die dafür sorgen, dass sich jeder und jede mit dem Thema auseinandersetzen muss. 

Rund 85 Prozent der Menschen in Deutschland stehen der Organspende positiv gegenüber. Das Problem ist häufig nicht fehlende Solidarität, sondern dass der eigene Wille nicht dokumentiert wurde. Genau hier müssen wir ansetzen, das ist meine Überzeugung. Es braucht künftig bessere Ansprache und einfache Möglichkeiten, den eigenen Spendewillen für die Nachwelt festzuhalten.

Wichtig ist dafür unter anderem ein barrierefreies und unkompliziertes Organspenderegister, das die Dokumentation des eigenen Willens einfach macht - digital wie analog. Das ist momentan eindeutig noch nicht erfüllt. 

Gleichzeitig müssen die bestehenden Defizite in den Transplantationsstrukturen konsequent behoben werden. Erfolgreiche Länder zeigen, dass gute Klinikstrukturen, klare Abläufe, Koordination und Aufklärung entscheidend sind, um mehr Organspenden zu ermöglichen.

Die Widerspruchsregelung ist aus meiner Sicht keine Lösung. Es gibt keinen hinreichenden wissenschaftlichen Beleg, dass sie zu mehr Organspenden führt. Sie ist zudem ethisch problematisch und ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht. Sie birgt die Gefahr, dass Menschen gegen ihren Willen Organspender*innen werden, weil sie zu Lebzeiten nicht widersprochen haben. Wir müssen uns immer vor Augen führen: Nicht jede Person hat gleichen Zugang zu Informationen, hat aufgrund der Lebensumstände Kapazitäten, sich damit auseinanderzusetzen, oder ist aufgrund ihrer Vulnerabilität dazu zu bestimmten Zeiten oder dauerhaft nicht in der Lage, sich mit der Thematik zu befassen und einen Willen zu dokumentieren. 

Gerade bei hochsensiblen Fragen rund um Leben und Tod braucht es gesellschaftliches Vertrauen, Transparenz und Freiwilligkeit. Unser Ansatz lautet daher: mehr Aufklärung, mehr Vertrauen, weniger Hürden bei der Dokumentation und dadurch mehr Organspenden auf Grundlage informierter, freiwilliger Zustimmung.

Mit freundlichen Grüßen

Linda Heitmann, MdB 

Was möchten Sie wissen von:
Portrait von Linda Heitmann
Linda Heitmann
BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Weitere Fragen an Linda Heitmann