Wie stehen Sie zur geplanten Erhöhung des Renteneintrittsalters und zur Krankschreibung ab dem ersten Krankheitstag? Welche Alternativen sehen Sie und werden Sie sich dagegen einsetzen?
Sehr geehrte Frau Dittmar,ich halte beide Vorschläge für den falschen Weg. Das Renteneintrittsalter wird nicht nur einmal erhöht, sondern verschiebt sich mit steigender Lebenserwartung immer weiter nach hinten. Dadurch müssen jede nachfolgende Generation und unsere Kinder immer länger arbeiten. Meiner Ansicht nach sollte sich der Renteneintritt stärker an den geleisteten Arbeitsjahren und der Art der Tätigkeit orientieren. Wer jahrzehntelang körperlich schwer gearbeitet hat, sollte früher in Rente gehen können als jemand mit einer überwiegend sitzenden Tätigkeit.Auch eine Krankschreibung bereits ab dem ersten Krankheitstag halte ich für kontraproduktiv. Arztpraxen würden zusätzlich belastet, und das Ansteckungsrisiko steigt. Man könnte beispielsweise wegen einer Migräne zum Arzt gehen und sich dort mit einer Magen-Darm-Infektion anstecken. Zudem würden Ärztinnen und Ärzte häufig vorsorglich länger krankschreiben, obwohl ein oder zwei Tage ausreichend gewesen wären.
Sehr geehrte Frau S.,
die beiden Fragen beantworte ich gerne:
Zum Renteneintrittsalter:
Klar ist: Ohne eine Reform sinkt das Rentenniveau ab 2031 deutlich. Wir wollen, dass die Rente auch zukünftig zum Leben reicht. Für uns als SPD gilt deshalb: Wer jahrzehntelang gearbeitet, eingezahlt und sein Leben auf verlässliche Regeln aufgebaut hat, braucht Fairness und Planungssicherheit. Die von der Bunderegierung einberufene Rentenkommission hat dazu ihre Empfehlung 5 so formuliert:
„Die Kommission empfiehlt, die Regelaltersgrenze nach 2031 bei einem weiteren Anstieg der Lebenserwartung moderat anzupassen. Die Regelaltersgrenze für den Renteneintritt soll so an die Lebenserwartung gekoppelt werden, dass sich die Änderungen der Lebenserwartung im Verhältnis 2:1 auf die Erwerbs- und die Rentenphase aufteilen. Ergäbe sich eine Entwicklung der Lebenserwartung anhand der aktuellen mittleren Annahmen des Statistischen Bundesamtes, würde das bedeuten, dass die Regelaltersgrenze im Zeitraum zwischen 2031 und 2041 schrittweise um etwa sechs Monate von 67 auf 67,5 Jahre angehoben würde. Die Kommission spricht sich für eine regelmäßige Überprüfung aus, ob die der Anhebung der Regelaltersgrenze zugrundeliegenden Rahmenbedingungen und Annahmen weiterhin zutreffen – sei es durch das Parlament oder sei es durch ein Gremium wie z. B. den Sozialbeirat.“
Diese Empfehlung ist auch für mich der Entscheidungsrahmen.
Zur Krankschreibung ab dem 1. Krankheitstag:
Der Plan, die telefonische Krankschreibung abzuschaffen, ist eine fatale Entscheidung. In Kombination mit der Forderung eine schriftliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung schon am ersten Tag vorlegen zu müssen, könnte sie für viele Hausarztpraxen sogar zum Super-Gau werden. Mit solchen Maßnahmen treiben wir Menschen in die Praxen, die dann Termine blockieren, die andere Patient:innen viel dringender brauchen. Von der Infektions- und Ansteckungsgefahr, die von jemandem, der mit einer Magen-Darm-Erkrankung oder einer Erkältung im Wartezimmer sitzt, ganz zu schweigen.
Der Verdacht, dass die telefonische Krankschreibung für eine hohe Zahl an Fehltagen mitverantwortlich ist, geht an der Realität vorbei. Gerade einmal 0,8 bis 1,2 Prozent aller Krankschreibungen werden telefonisch erteilt. Es geht dabei um leichtere Fälle und um Patient:innen, die der Arzt kennt. Hat er Zweifel kann er die Patient:innen jederzeit in die Praxis bestellen und nicht am Telefon krankschreiben.
Auch die Vorlage einer AU-Bescheinigung schon am ersten Tag bringt gewiss keine Reduzierung der Krankentage, sondern nur mehr Arbeit für die Praxen und auch für die Krankenkassen. Sollen Patient:innen, die selbst am besten wissen, wie sie mit ihren Beschwerden, zum Beispiel bei Migräne oder Menstruationsschmerzen umzugehen haben, wirklich jedes Mal in die Praxen kommen. Und jeder, der einen Magen-Darm-Infekt oder eine Erkältung hat, aber nach zwei Tagen, wenn er zu Hause bleibt, wieder fit ist? Übrigens haben Arbeitgeber, wenn sie den Verdacht haben, dass blau gemacht wird, schon jetzt die Möglichkeit, eine AU-Bescheinigung ab dem ersten Tag einzufordern.
Ein Blick auf die Statistik zeigt auch, dass nicht ein oder zwei Tage Krankheitsausfall die Zahlen nach oben treiben, sondern chronische Erkrankungen, mit denen die Arbeitnehmer:innen langfristig ausfallen. Wenn man die Zahl der Krankentage reduzieren will, ist es daher sehr viel sinnvoller, mehr in Prävention zu investieren, damit die Menschen erst gar nicht chronisch erkranken.
Mit freundlichen Grüßen
Sabine Dittmar MdB

