Wie rechtfertigen Sie, dass nun ab dem 1. Tag der Krankheit eine AU erforderlich ist bei chronisch Kranken?
Sehr geehrte Frau Türk-Nachbaur,
aus dem Reformpapier der SPD/CDU/CSU habe ich entnommen, dass nun ab dem ersten Krankheitstag ein Arzt*in aufgesucht werden muss. Ich leide unter Endometriose. Wenn ich einen Schub habe, bin ich ein oder zwei Tage arbeitsunfähig und bettlägerig. Dafür benötige dafür aktuell keine Arbeitsunfähigkeit vom Arzt.
Mit der neuen Reform bin ich nun verpflichtet in einem überfüllten Wartezimmer stundenlang zu warten und mich womöglich mit anderen Krankheit wie Atemwegsinfektionen anzustecken. Außerdem nehme ich anderen Patienten "den Platz weg" - denn es gibt nichts, was medizinisch getan werden kann, außer eben eine AU auszustellen.
Können Sie mir erklären, warum die neue Regelung notwendig ist? Denken Sie, dass für Endometriose-Betroffene (oder andere chronisch Kranke) sinnvoll ist, sich unter Schmerzen zum Arzt zu schleppen, nur um keine Kündigung zu riskieren? Danke.
Ihre Sorge kann ich gut nachvollziehen, gerade als Betroffene einer chronischen Erkrankung wie Endometriose.
Zur Einordnung vorab: Ein fertiges Gesetz gibt es bisher nicht. Das Papier stammt aus dem Koalitionsausschuss. Wie die Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag am Ende aussieht, welche Ausnahmen es geben wird und ob sie überhaupt so kommt, entscheidet sich erst im weiteren Gesetzgebungsverfahren.
Sie haben recht: Bei einem klar diagnostizierten, chronischen Verlauf wie Endometriose bringt ein Arztbesuch am ersten Tag medizinisch meist nichts außer der Bescheinigung selbst. Das belastet Sie unnötig und Praxen, die ohnehin voll sind, zusätzlich.
Auch innerhalb der SPD gibt es an dieser Regelung deutliche Kritik. Unsere Ministerin Bärbel Bas hat sich hier positioniert und angekündigt, genau zu prüfen, ob die Regel tatsächlich etwas bringt oder eher neue Probleme schafft. Das begrüße ich sehr, denn genau diese Prüfung braucht es, bevor über die konkrete Ausgestaltung entschieden wird. Konstellationen wie Ihre, chronisch Kranke mit bekanntem Krankheitsverlauf, müssen aus meiner Sicht dabei berücksichtigt werden, etwa durch praxisnahe Ausnahmen.
Als SPD Bundestagsfraktion werden wir diesen neu beginnenden Prozess eng begleiten und versuchen, pragmatische Lösungen zu finden, die weder Patient:innen, noch die ohnehin überlaufenen Hausarztpraxen zusätzlich belasten.

