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Kerstin Celina
Bündnis 90/Die Grünen
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Frage von Ellen S. •

Hallo Frau Celina, Wie unterstützen Sie die Bürgerinnen und Bürger von Giebelstadt und den anderen Ortschaften an der B19 in Bezug auf die geplante Umgehung? Die Menschen leiden seit Jahren.

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Bündnis 90/Die Grünen

Sehr geehrte Frau. S.

Sie haben Recht: Die Menschen leiden unter dem Verkehr, und zwar überall, nicht nur in Giebelstadt. Allein die vom Verkehr verursachten Luftschadstoffe sind in Deutschland mit 13.000 vorzeitigen Todesfällen assoziiert. Lärm verursacht zahlreiche Krankheiten, u.a. Depressionen. Dazu kommen ca. 3.500 durch Unfälle Getötete pro Jahr sowie ein Vielfaches an Verletzten. Und nicht zuletzt wird für alle die Lebensqualität durch den zunehmenden Verkehr erheblich eingeschränkt: Straßen zerschneiden unsere Städte und Dörfer, wie in Giebelstadt, der begrenzte Platz wird häufig für (fahrende und abgestellte) Autos reserviert, statt als attraktiver Aufenthaltsort zu dienen. Insbesondere Kinder wachsen in einer von Autos dominierten Umwelt auf, in der sie sich nichht sicher bewegen können und in der sie keinen Plstz zum Spielen haben. Die Folge ist, dass auch sie mittlerweile deutlich weniger Wege zu Fuß und mit dem Fahrrad zurücklegen als noch die Generation ihrer Eltern oder die ihrer Großeltern, was wiederum negative Folgen für ihre Gesundheit und Entwicklung hat. All das verursacht Leid. Gleichzeitig steigt die Zahl der Autos umd der damit gefahrenen Kilometer jedes Jahr.

 

Ich selbst fahre seit meiner Schulzeit überwiegend mit dem Rad und dem Bus, und zwar aus verschiedenen Wohnorten im nordöstlichen Bereich des Landkreises heraus. Ich habe auf dem Fahrradsattel die Verkehrssituation um Würzburg herum und auch die Klimaveränderung miterlebt und bin inzwischen der Überzeugung: die Verkehrspolitik, die die CSU in Bayern und im Bund in den letzten Jahrzehnten verfolgt hat, war und ist falsch und hat uns in eine Sackgasse geführt. Mehr Strassen, mehr Verkehr von Personen und Gütern auf den Strassen, gleichzeitig ein massiver Abbau des Schienenverkehrs in den ländlichen Regionen, ein öffentlicher Personennahverkehr, der nicht über Landkreisgrenzen hinweg führt u.v.m. . All das führt zwangsläufig dazu, dass die Menschen in unseren Orten immer mehr unter dem Verkehr leiden und selbst keine Alternativen sehen, sich anders fortzubewegen als im eigenen Auto.

 

Was wir also brauchen, ist eine andere Verkehrspolitik. Eine Verkehrspolitik,  die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, statt möglichst viele Strassen für noch mehr PKWs und LKWs bereitzustellen. Eine Politik, die den Fußgänger*innen mehr Raum lässt und ihnen im wahrsten Sinne des Wortes, Luft zum Atmen lässt, in den Städten und in den ländlicheren Regionen. Alternativen wie Busse und Bahnen, Radwege usw. müssen viel stärker gefördert werden und - und das ist mir sehr wichtig - Kommunen müssen die Möglichkeiten bekommen und nutzen, den Durchgangsverkehr auszubremsen. In Baden-Württemberg unterstützt die GRÜNE Landesregierung ihre Kommunen dabei, dort werden z.B. Geschwindkeitsbegrenzungen innerorts durchgesetzt und gleichzeitig viele stationäre Blitzer installiert. In Bayern wird dagegen nach wie vor Politik für Autos gemacht, Reaktivierungen von Regionalbahnen werden verhindert (siehe z.B. Steigerwaldbahn). Ich selbst ärgere mich regelmäßig darüber, dass ich mit dem Zug schneller in Nürnberg oder Frankfurt bin als mit dem Bus im südlichen Landkreis Würzburg. 

 

In ihrer Frage geben Sie die Lösung aus ihrer Sicht vor: eine Umgehungsstraße für Giebelstadt. Es ist nachvollziehbar, dass - so wie Bayerische Politik in den letzten Jahren genacht wurde - das als Lösung erstmal sinnvoll erscheint. Aber die Erfahrung lehrt uns: Umgehungsstraßen führen zu einem Ansteigen des Verkehrs auf der Strecke ingesamt, neue Straßen ziehen zusätzlichen überörtlichen Verkehr an, der auf dem Weg zu den größeren Strassen wieder durch die Orte fährt. Oft wirkt die innerörtliche Entlastung nur ein paar Jahre bis der Verkehr insgesamt wieder so zunimmt, dass der Zustand fast so ist wie vorher. Oft wird auch unterschätzt, wieviel Verkehr innerörtlich erzeugt wird. Eine Ortsumgehung würde darüber hinaus weitere Flächen versiegeln, in Giebelstadt wertvollste Ackerflächen, und den Lebensraum von seltenen Tierarten noch weiter zerstören. Tierarten übrigens, für die der Lebensraum hier in der Region der letzte verbliebene Lebensraum ist. 

 

Durch den schneller fließenden Verkehr werden zusätzliche, neue Lärmquellen für Wohngebiete schaffen, die bisher am Ortsrand eher ruhig gelegen waren. Das Problem wird nicht gelöst,  sondern nur verlagert, die Belastungen tragen andere. Auch die finanziellen Belastungen einer neuen Strasse sind immens, gleichzeitig ist ungeklärt, wie der Erhalt und die Sanierung von bestehenden Strassen und Brücken in den nächsten Jahrzehnten finanziert werden kann. Ich sehe hier große Probleme, die mut der bisherigen Verkehrspolitik eben nicht gelöst werden, sondern uns weiter in diese Sackgasse führen. Eine Ortsumgehung in Giebelstadt ist keine dauerhafte, nachhaltige und finanzierbare Lösung, und obendrauf kommen fachlich eindeutige, naturschutzrechtliche Bedenken für den Bau genau dieser Strecke. Es macht für mich deshalb keinen Sinn, die Lösung mit Konzepten aus dem letzten Jahrhundert zu lösen. Ich stehe für einen zukunftsorientierten Weg. 

 

Was aus meiner Sicht in Giebelstadt geprüft werden müsste, ist: Eine Trennung der nördlichen und südlichen Verkehrsströme und vor allem eine Temporeduzierung und die Schaffung von mehr sicheren Querungsmöglichkeiten (sowohl in Giebelstadt als auch in Herchsheim und Euerhausen). Tempo 30 wäre übrigens in bestimmten Fällen durchaus auch auf Bundesstraßen möglich. Im wenigen Kilometer entfernten Baden-Württemberg wird das schon praktiziert, nur in Bayern verhindert die Söder-Regierung bisher diese wirkungsvolle Maßnahme. Wir GRÜNE wollen hier den Kommunen mehr Möglichkeiten an die Hand geben, verkehrsberuhigende und die Sicherheit erhöhende Maßnahmen zu ergreifen, um den Mensch in den Mittelpunkt zu stellen.

 

Daneben brauchen wir einen Politikwechsel bei der Verkehrspolitik: Statt immer mehr Straßen und Parkplätze zu bauen, statt 1,5 Mio. für einen Großparkplatz auszugeben, könnte die Gemeinde auch Alternativen fördern, etwa Radwege bauen, auf denen sich die Menschen sicher fühlen. Auch die Busanbindung von Giebelstadt und seinen Ortsteilen könnte noch wesentlich besser werden, etwa über mehr Querverbindungen zu den Bahnhöfen in Ochsenfurt, Goßmannsdorf und Giebelstadt sowie einem dichteren Takt direkt nach Würzburg. Dafür setzen wir GRÜNE uns im Kreistag und Landtag ein. Der Weg erscheint vielleicht länger und schwieriger, aber es ist allemal ehrlicher, als sich mit einer Ortsumgehung jahrzehntelang auf eine Scheinlösung zu hoffen, die dann am Ende doch nicht kommt.

 

Die Quellen für meine Argumentation finden Sie hier: 

https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/101341/Studie-13-000-vorzeitige-Todesfaelle-mit-Verkehrsabgasen-assoziiert

Erklärt ist dieses Phänomen z.B. hier: https://bw.vcd.org/der-vcd-in-bw/bodensee/strassenbau-ist-klimaschaedlich?sword_list%5B0%5D=stra%C3%9Fenbau&sword_list%5B1%5D=ist&sword_list%5B2%5D=klimasch%C3%A4dlich&cHash=83028336f76ac055d58ffc10a39c6c35

https://web.archive.org/web/20080905195754/http://www.bund.net/fileadmin/bundnet/pdfs/verkehr/infrastruktur/20040000_verkehr_fakten_ortsumfahrung.pdf

https://www.mainpost.de/regional/wuerzburg/giebelstadt-ein-parkplatz-fuer-eineinhalb-millionen-euro-art-10458730

 

Mit dem Angebot, auch mal vor Ort gemeinsam ins Gespräch zu kommen, und mit freundlichen Grüßen,  

 

Ihre Kerstin Celina

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