Sind sie dafür, dass das Rentenalter mit dem Alter der durchschnittliche Lebenserwartung gekoppelt wird?
Sehr geehrter Herr Oest,
Laut ZDF und ARD Umfragen sind 63% dagegen. Ich ebenso und war nicht an der Umfrage beteiligt. Die Dunkelziffer der Gegener wird größer sein.
Sind sie bereit, sich gegen eine solche Masse der Bevölkerung zu stellen? Ist ihnen bewusst, dass sie dann nicht im Sinne der Mehrheit des Volkes handeln und aktiv gegen uns wählen?
Sehr geehrte Frau M.,
vielen Dank für Ihre Frage. Auch ich sehe eine Kopplung des Renteneintrittsalters an die durchschnittliche Lebenserwartung sehr kritisch. Eine solche Durchschnittszahl sagt zu wenig darüber aus, wann ein Mensch in das Berufsleben eingestiegen ist, wie viele Jahre er bereits gearbeitet hat und welchen Belastungen er dabei ausgesetzt war.
Bisher konnten Versicherte ab dem Jahrgang 1964 nach 45 Versicherungsjahren mit 65 Jahren abschlagsfrei in Rente gehen. Diese Möglichkeit möchte ich erhalten. Wer mit 16 Jahren eine Ausbildung begonnen und seitdem gearbeitet hat, kommt auf eine wesentlich längere Erwerbszeit als jemand, der erst deutlich später in das Berufsleben eingestiegen ist. Beide allein nach demselben Lebensalter zu behandeln, wird dieser unterschiedlichen Lebensleistung nicht gerecht. Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass wir mehr Jugendliche und Heranwachsende dazu motivieren wollen, sich für Ausbildungsberufe zu entscheiden.
Hinzu kommt, dass nicht jedes Arbeitsleben gleich belastend ist. Wer über Jahrzehnte im Handwerk, in der Industrie, in der Pflege oder in einem anderen fordernden Beruf gearbeitet hat, kann häufig nicht ohne Weiteres bis zu einer immer weiter steigenden Altersgrenze tätig bleiben. Es wäre falsch, diese Menschen darauf zu verweisen, dass sie erst krank oder erwerbsgemindert werden müssen, bevor ihre persönliche Situation berücksichtigt wird. Lange Beitragszeiten müssen deshalb ein eigenständiges Gewicht behalten.
Für Ostdeutschland ist diese Frage von besonderer Bedeutung. Viele Menschen haben hier früh ihre Ausbildung begonnen und über Jahrzehnte gearbeitet. Zugleich ist die gesetzliche Rente für einen deutlich größeren Teil der Bevölkerung die einzige Alterssicherung. Rund drei Viertel der Menschen im Osten sind im Alter allein auf die gesetzliche Rente angewiesen. Betriebliche Altersvorsorge, private Rücklagen und geerbtes Vermögen stehen deutlich seltener zur Verfügung als in Westdeutschland. Wer diese Unterschiede bei einer Reform nicht berücksichtigt, belastet Menschen besonders, die bereits lange gearbeitet haben und kaum auf andere Einkünfte im Alter zurückgreifen können.
Gleichwohl ist eine Reform des Rentensystems unabdingbar. Die Menschen leben im Durchschnitt länger und in den kommenden Jahren stehen weniger Beitragszahler einer wachsenden Zahl von Rentnern gegenüber. Daraus folgt aber nicht, dass eine automatische Anhebung des Rentenalters die einzig mögliche oder die gerechteste Antwort ist. Wir brauchen bessere Voraussetzungen dafür, dass Menschen gesund bis zum Renteneintritt arbeiten können, flexiblere Übergänge und gute Anreize für diejenigen, die freiwillig länger arbeiten möchten, wie die Aktivrente. Eine solche Reform muss die Finanzierbarkeit der Rente sichern und zugleich die Lebensleistung der Versicherten achten.
Die von Ihnen genannte Umfrage habe ich ebenfalls zur Kenntnis genommen. Das Ergebnis zeigt deutlich, wie groß die Sorge ist, dass eine solche Regelung den unterschiedlichen Lebens- und Erwerbsverläufen nicht gerecht wird. Ich werde mich deshalb im weiteren Verfahren dafür einsetzen, dass eine Lösung gefunden wird, die Generationengerechtigkeit und individuelle Erwerbsbiografien gleichermaßen berücksichtigt.
Herzliche Grüße
Florian Oest

