Wie wollen Sie verhindern, dass neue Versorgungsstrukturen den Fachkräftemangel verschärfen und zu einem noch stärkeren Abwerbewettbewerb um Pflegefachkräfte führen?
Sehr geehrter Herr Çelik, unser ambulanter Pflegedienst Epikur hat derzeit keinen akuten Personalmangel, weil wir bewusst selbst ausbilden und damit unseren eigenen Nachwuchs fördern. Trotzdem erleben wir bereits heute einen sehr angespannten Arbeitsmarkt. Qualifizierte Bewerbungen sind selten und der Verdrängungs- und Abwerbewettbewerb um Pflegefachkräfte nimmt deutlich zu. Vor diesem Hintergrund sehen wir die Schaffung zusätzlicher Versorgungs- und Beratungsstrukturen kritisch. Auch neue Angebote benötigen qualifiziertes Pflegepersonal – dieses entsteht dadurch jedoch nicht zusätzlich, sondern wird aus demselben bereits angespannten Arbeitsmarkt gewonnen. Aus unserer Sicht sollten deshalb vorhandene ambulante Strukturen und Ausbildungsbetriebe gestärkt werden, bevor neue Parallelstrukturen geschaffen werden, die mit bestehenden Pflegediensten um dieselben knappen Fachkräfte konkurrieren.
Sehr geehrter Herr K.,
es ist sehr lobenswert, dass Sie selbst ausbilden und damit Verantwortung für den eigenen Nachwuchs übernehmen. Ihr Hinweis auf den zunehmenden Wettbewerb um Pflegefachkräfte trifft ein reales Problem.
Aus Ihrer Frage geht allerdings nicht ganz hervor, welche "zusätzlichen Versorgungs- und Beratungsstrukturen" Sie konkret meinen. Deshalb antworte ich Ihnen grundsätzlich: Ich teile Ihre Sorge, dass neue Angebote keine zusätzlichen Pflegekräfte schaffen. Wenn verschiedene Träger um dieselben Beschäftigten konkurrieren und sich gegenseitig Personal abwerben, entsteht keine bessere Versorgung.
Die Konsequenz kann aus meiner Sicht aber nicht sein, auf notwendige neue Versorgungsangebote zu verzichten. Wir müssen vielmehr an die Ursachen des Personalmangels heran. Entscheidend ist, mehr Menschen für Pflegeberufe zu gewinnen und vor allem dafür zu sorgen, dass Beschäftigte dauerhaft im Beruf bleiben. Gute Arbeitsbedingungen, verlässliche Dienstpläne, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und eine angemessene Bezahlung spielen dabei eine zentrale Rolle. Das belegen viele Studien zu dem Thema und auch empirische Befragungen, wie z.B. von der Arbeitnehmerkammer Bremen.
Gerade Betriebe wie Ihrer, die selbst ausbilden, leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Es darf nicht attraktiver sein, fertig ausgebildete Fachkräfte bei anderen Einrichtungen abzuwerben, als selbst Zeit und Geld in Ausbildung und gute Arbeitsbedingungen zu investieren.
Wir brauchen deshalb weniger Konkurrenz um knappes Personal und mehr gemeinsame, bedarfsgerechte Planung. Die öffentliche Hand muss dafür sorgen, dass Ausbildung gestärkt und gute Arbeitsbedingungen auskömmlich finanziert werden. Notwendige Versorgung darf nicht davon abhängen, welcher Anbieter den Abwerbewettbewerb um Pflegekräfte gewinnt.
Mit vielen Grüßen
Deniz Celik

