Herr McAllister, wie sollte Deutschland mit der EU auf US-Zölle im Kontext Grönland reagieren, welche Rolle spielt das Anti-Coercion-Instrument und wären US-Staatsanleihen ein Mittel in Verhandlungen?
Sehr geehrter Herr D.,
vielen Dank für Ihre Anfrage vom 19. Januar, die ich sorgfältig gelesen habe.
Die jüngsten Aussagen der Trump-Administration zu Grönland markieren keinen isolierten Ausreißer, sondern sind Ausdruck einer grundlegenden geopolitischen Verschiebung. Die Arktis ist längst kein peripherer Raum mehr, sondern entwickelt sich zu einem strategischen Schlüsselgebiet des 21. Jahrhunderts: sicherheitspolitisch, wirtschaftlich und technologisch.
Für Europa ist das keine abstrakte Zukunftsfrage, sondern Teil der unmittelbaren strategischen Umgebung. Entwicklungen im Hohen Norden wirken sich direkt auf die Sicherheit des Nordatlantiks, auf transatlantische Verbindungen, auf Energie- und Rohstofffragen sowie auf die Stabilität der regelbasierten internationalen Ordnung aus.
Jede Infragestellung der Souveränität und territorialen Integrität Dänemarks und Grönlands würde einen Bruch des Völkerrechts und der Charta der Vereinten Nationen darstellen. Es geht um Grundprinzipien der internationalen Ordnung, die gerade in der Arktis als eine Region wachsender geopolitischer Konkurrenz von zentraler Bedeutung sind.
Grönland ist ein selbstverwalteter Teil des Königreichs Dänemark mit eigenen demokratischen Institutionen. Entscheidungen über die politische Zukunft, die wirtschaftliche Entwicklung oder internationale Partnerschaften liegen ausschließlich bei Dänemark und Grönland selbst. Sie müssen auf Grundlage der bestehenden verfassungsrechtlichen Vereinbarungen getroffen werden. Externe Versuche, den Status quo zu verändern oder politische Prozesse unter Druck zu setzen, sind nicht akzeptabel. Daran erinnert auch die historische Tatsache, dass die Vereinigten Staaten bereits 1916 die volle dänische Souveränität über Grönland ausdrücklich anerkannt haben.
Der Klimawandel wirkt dort als geopolitischer Beschleuniger: schwindendes Eis, neue eisfreie Seewege, veränderte militärische Bedingungen und die zunehmende wirtschaftliche Zugänglichkeit verändern die Kalküle aller relevanten Akteure.
Russland hat seine militärische Präsenz im Hohen Norden seit Jahren systematisch ausgebaut und betrachtet die Arktis als integralen Bestandteil seiner strategischen Abschreckung. China verfolgt mit seiner Selbstbezeichnung als „arktisnaher Staat“ eine langfristige, strategisch angelegte Präsenzpolitik, die wirtschaftliche, wissenschaftliche und technologische Elemente miteinander verbindet. Vor diesem Hintergrund betrachten die USA Grönland als operativen Schlüsselraum für Frühwarnsysteme, Raketenabwehr und die Absicherung transatlantischer Verbindungen.
Die Sicherheit in der Arktis kann dauerhaft nur gemeinsam organisiert werden: innerhalb der NATO, auf Grundlage des Völkerrechts und mit Respekt vor der Souveränität aller Beteiligten. Grönland und Dänemark sind vollständig durch die kollektiven Sicherheitsgarantien der NATO abgedeckt. Die Arktis ist kein rechtsfreier Raum für geopolitische Machtspiele, weder zwischen Rivalen noch zwischen Verbündeten. Gerade in einem sicherheitspolitisch sensiblen Raum mit geringer Fehlertoleranz kommt es auf klare Regeln, Berechenbarkeit und institutionelle Einbettung an.
Für die Europäische Union ist die Lage deshalb von besonderer strategischer Relevanz. Die Sicherheit im Nordatlantik, die Stabilität der „GIUK-Lücke“ (Lücke zwischen Grönland, Island und UK), resiliente Liefer- und Datenverbindungen, Energie- und Rohstoffsicherheit sowie der Schutz kritischer Infrastruktur liegen im unmittelbaren europäischen Interesse.
Die Europäische Union hat ihr Engagement in Grönland in den vergangenen Jahren gezielt ausgebaut: durch politische Präsenz vor Ort – seit 2024 gibt es ein Büro in Nuuk – durch strategische Partnerschaften zur nachhaltigen Rohstoffentwicklung (2023) sowie durch Investitionen in Bildung, Forschung und Infrastruktur. Dieses Engagement dient ausdrücklich nicht der Einflussnahme, sondern der Stärkung von Stabilität, Entscheidungsfreiheit und Resilienz – und damit auch der Widerstandsfähigkeit des gesamten arktischen Raums.
Ein zentrales Risiko liegt in einer schleichenden Verschiebung von Normen und Erwartungen. Wenn territoriale Fragen öffentlich relativiert oder Souveränität zur Verhandlungsmasse erklärt wird, verändert das das strategische Umfeld nachhaltig weit über Grönland hinaus. Genau hier setzt die europäische Position an: Stabilität entsteht nicht allein durch militärische Fähigkeiten, sondern durch Verlässlichkeit, klare Regeln und das Vertrauen, dass bestehende Zusagen gelten.
China beobachtet diese Dynamik sehr genau. Wirtschaftliches und wissenschaftliches Engagement in der Arktis ist nicht per se illegitim, kann aber über Zeit politischen Einfluss erzeugen. Je uneiniger westliche Partner auftreten, desto attraktiver werden externe Angebote, die kurzfristig Vorteile versprechen, langfristig jedoch Abhängigkeiten schaffen können. Europäische Präsenz, politische Klarheit und verlässliche Partnerschaften sind daher auch ein Instrument zur Begrenzung strategischer Einflussnahme von außen – nicht nur in Grönland, sondern im gesamten arktischen Raum.
Handelspolitik darf nicht als politisches Druckmittel eingesetzt werden. Eine geschlossene europäische Antwort bleibt entscheidend, um wirtschaftliche Interessen zu schützen und zugleich tragfähige transatlantische Beziehungen zu erhalten. Derzeit prüfen die Mitgliedstaaten verschiedene Reaktionsoptionen. Ziel bleibt es, besonnen, verhältnismäßig und regelbasiert zu handeln. Dabei ist das Anti-Coercion-Instrument (ACI) der Europäischen Union eine mögliche Option. Dieses Instrument schafft erstmals einen klaren rechtlichen Rahmen, um auf wirtschaftliche Zwangsmaßnahmen von Drittstaaten reagieren zu können. Es dient in erster Linie der Abschreckung und soll verhindern, dass wirtschaftlicher Druck politische Entscheidungen erzwingt. Eine mögliche Anwendung setzt eine enge Abstimmung der Mitgliedstaaten voraus. Das ACI wurde bislang noch nicht angewendet.
Finanzpolitische Maßnahmen wie der gezielte Einsatz oder Verkauf von US-Staatsanleihen gehören derzeit nicht zu den vorrangig geprüften Instrumenten. Solche Schritte würden erhebliche finanzmarktpolitische Risiken mit sich bringen und erfordern eine äußerst sorgfältige Abwägung. Der Schwerpunkt liegt derzeit auf handelspolitischen, rechtlich abgesicherten und koordinierten europäischen Instrumenten.
Mein Engagement im Europäischen Parlament richtet sich weiterhin darauf, eine handlungsfähige, geschlossene und regelbasierte europäische Außen- und Handelspolitik zu stärken. Gerade in einem sensiblen geopolitischen Umfeld wie der Arktis bleibt Verlässlichkeit der zentrale Faktor für Stabilität und Sicherheit.
Mit freundlichen Grüßen
David McAllister

