DPG und DMG fordern aufgrund der eskalierenden Klimakrise über Rückzug aus tieferliegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee zu diskutieren. Aus Ihrer Sicht: Ab wann sollten wir darüber diskutieren?
Sehr geehrter Herr Caspary,
zwei der renommiertesten naturwissenschaftlichen Gesellschaften in Deutschland, die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft (DMG), warnen, dass eine globale Erwärmung um 3 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau bereits um 2050 nicht ausgeschlossen werden kann. Beide fordern u.a. "den Rückzug aus tieferliegenden Küstenregionen an Nord- und Ostsee zu diskutieren."
https://www.dpg-physik.de/veroeffentlichungen/publikationen/stellungnahmen-der-dpg/klima-energie/klimaaufruf
Die EVP ist in den letzten Monaten aufgefallen, Klimaschutzmaßnahmen einzuschränken (Förderung CO2 erzeugender Autos, Abschwächung Waldschutzgesetz, Verschiebung ETS II) und das sogar z.T. zusammen mit der extremen Rechten.
Wie muss die Situation aus Ihrer Sicht sein, ab der wir über einen Rückzug diskutieren müssen?
Mit freundlichen Grüßen
Alexander K.
Sehr geehrter Herr K.,
vielen Dank für Ihre Frage und den Hinweis auf die Stellungnahmen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft und der Deutschen Meteorologischen Gesellschaft.
Aus meiner Sicht muss die politische Priorität weiterhin klar auf der Vermeidung eines unkontrollierten Klimawandels liegen. Die Europäische Union hält an ihren verbindlichen Klimazielen für 2030, 2040 und 2050 fest und bleibt damit international ein zentraler Treiber des Klimaschutzes. Die von DPG und DMG angesprochene Gefahr einer Erwärmung von bis zu 3 Grad ergibt sich vor allem aus globalen Emissionspfaden und dem unzureichenden Engagement vieler großer Emittenten außerhalb Europas, nicht aus einer Abkehr der EU von ihren Zielen.
Die Frage eines Rückzugs aus tieferliegenden Küstenregionen stellt sich aus heutiger Sicht nicht akut. Aktuelle wissenschaftliche Szenarien gehen davon aus, dass bei konsequentem Klimaschutz und weiterentwickelten Anpassungsmaßnahmen wie Deichverstärkung, natürlichem Küstenschutz und angepasster Raumplanung große Teile der deutschen Nord- und Ostseeküste auch langfristig gesichert werden können. Bund und Länder investieren bereits heute erhebliche Mittel in den Küstenschutz, unter anderem auf Grundlage der Gemeinschaftsaufgabe Küstenschutz und Klimaanpassung.
Umso wichtiger ist es, dass Europa seine Klimapolitik konsequent fortsetzt und gleichzeitig international Druck aufbaut, damit andere große Emittenten vergleichbare Anstrengungen unternehmen. Nur so lassen sich die Risiken für Küstenregionen wirksam begrenzen.
Die EVP steht zu den Klimazielen, möchte jedoch zielführendere Wege einschlagen, die Wachstum, Wohlstand, sozialen Zusammenhalt und Klimaschutz verbinden.
Mit freundlichen Grüßen...
Daniel Caspary.

