Ihre Expertise als ehemalige Barmer-Referentin ("Lobbyarbeit") ist gefragt - denken Sie, DiGAs können die sprechende Medizin bald ersetzen?
Ich weiß, dass gerade viel Geld in digitale Anwendungen investiert wird. Als Insiderin ("Barmer"): glauben Sie, dass die DiGAs zusammen mit der Robotik und/oder 3D-Technologie die sprechende Medizin bald ersetzen können?
Die Formulierung Ihrer Frage ist bereits eine Unterstellung. Eine frühere berufliche Tätigkeit bei einer Krankenkasse macht aus einer Abgeordneten keine Lobbyistin dieser Krankenkasse. Berufserfahrung im Gesundheitswesen ist zunächst einmal genau das, was in gesundheitspolitischen Debatten häufig eingefordert wird, nämlich Kenntnis der Strukturen, der Finanzierungslogik und der praktischen Versorgung. Daß meine Einlassungen zum Thema Psychotherapie nicht gerade auf Gegenliebe stoßen ist mir durchaus bewusst. Aber es geht hier auch um Ehrlichkeit. Ich werde keine Versprechungen machen, die am Ende nicht zu halten sind.
Zur Sache selbst. Nein, ich gehe nicht davon aus, dass Digitale Gesundheitsanwendungen, Robotik oder 3D-Technologien die sprechende Medizin ersetzen werden. Das wäre weder medizinisch sinnvoll noch politisch mein Ziel. Ärztliche und therapeutische Gespräche, Anamnese, Beratung, Einordnung, Vertrauen und gemeinsame Entscheidungsfindung lassen sich nicht einfach durch eine Anwendung auf dem Smartphone ersetzen.
Digitale Anwendungen können aber ergänzen. Sie können Patientinnen und Patienten dabei helfen, Symptome zu dokumentieren, Therapien besser einzuhalten, Übungen strukturiert durchzuführen, Verläufe sichtbar zu machen oder zwischen Terminen Unterstützung zu bekommen. Gerade bei chronischen Erkrankungen, psychischen Belastungen, Stoffwechselerkrankungen oder in der Rehabilitation können solche Instrumente sinnvoll sein, wenn ihr Nutzen belegt ist und sie verantwortungsvoll in Versorgungspfade eingebunden werden.
Entscheidend ist deshalb nicht die falsche Gegenüberstellung „Mensch oder Maschine“. Entscheidend ist die Frage, wo digitale Anwendungen echten medizinischen Nutzen bringen, wo sie Versorgung erleichtern und wo sie nur Kosten verursachen, ohne Patientinnen und Patienten wirklich zu helfen. Genau daran müssen Digitale Gesundheitsanwendungen gemessen werden.
Für mich gilt dabei eine klare Grenze. Digitalisierung darf nicht als Sparinstrument missverstanden werden, mit dem man persönliche Zuwendung aus dem Gesundheitssystem herausrechnet. Sie muss Versorgung besser, zugänglicher und effizienter machen. Wo sie das leistet, sollte man sie nutzen. Wo sie das nicht leistet, gehört sie nicht in die solidarisch finanzierte Regelversorgung.
Die sprechende Medizin bleibt unverzichtbar. Digitale Anwendungen können sie unterstützen, strukturieren und entlasten. Ersetzen können und sollen sie sie nicht.

