Frage an Matthias Hey von Senax Naqerff bezüglich Arbeit

25. August 2009 - 10:14

Sehr geehrter Herr Hey,
Thüringen ist seit Jahren ein Billiglohngebiet, in dem mehr und mehr Tariflöhne reduziert und geringfügige Beschäftigung ausgeweitet wird. Viele brauchen deshalb noch staatliche Aufstockungen, um zurechtzukommen - einer der größten Skandale in diesem Land.
Herr Althaus sieht das als ein Wettbewerbsvorteil für die Wirtschaft an.
Nach 20 Jahren deutscher Einheit muß es endlich möglich sein, gerechte Löhne zu zahlen.Übrigens einer der Gründe, weshalb viele junge Leute das Land immer noch verlassen.
Was können oder werden Sie dagegen tun ?

Frage von Senax Naqerff
Antwort von Matthias Hey
25. August 2009 - 19:36
Zeit bis zur Antwort: 9 Stunden 22 Minuten

Sehr geehrter Herr Andress,

vielen Dank für Ihre Anfrage und Ihr Interesse an meinem Internetauftritt. Ich arbeite mit einem Kollegen zusammen, dessen Eltern in einem kleinen Ort im Eichsfeld wohnen. Die letzten größeren Arbeitgeber haben dort vor mehr als 10 Jahren bereits ihre Unternehmen geschlossen, die nächste größere Kreisstadt ist mehr als 20km entfernt. Mittlerweile besteht die Mehrzahl der Bevölkerung in diesem Ort aus Menschen, die älter als 50 Jahre sind, also den "Dortgebliebenen" eine bundesweit bekannte Herrenhemdenmanufaktur lässt dort seit einiger Zeit maßgeschneiderte Hemden anfertigen. Stundenlohn: zwischen 3 und 5 Euro für ca. ein Dutzend älterer Frauen, die hierdurch wieder eine Arbeit gefunden haben.

Die Frage nach der Höhe des Stundenlohns und ob nun Skandal oder nicht, wie Sie dies bezeichnen, wird dort äußerst ambivalent behandelt. Die dortigen Frauen sind vehemente Gegnerinnen der Einführung des sogenannten Mindestlohntarifes, da sie befürchten, nun auch diese letzte Chance auf Erwerbstätigkeit zu verlieren. Ihre schlecht bezahlte Tätigkeit würden dann, so argumentieren sie, Beschäftigte in Litauen oder Estland zu einem vielleicht noch geringeren Stundensatz erledigen.

Eine solche Argumentation begegnet mir im Wahlkampf sehr häufig. In der Tat nehmen viele Arbeitnehmer im Freistaat sämtliche Widrigkeiten in Bezug auf ihren Monatsverdienst klaglos hin, nur um diesen schlechten Monatsverdienst nicht auch noch zu verlieren. Wohin diese Spirale geführt hat, sehen wir in den jährlichen erschreckenden Abwanderungszahlen von Thüringerinnen und Thüringern aus ihrer Heimat!

Ich bin deshalb durchaus ein Verfechter des Mindestlohntarifes, vor allem auch deshalb, weil ich weiß: schon in kurzer Zeit können durch liberale EU-Einwanderungsbedingungen und damit verbundenen arbeitsrechtlichen Erleichterungen für Bürger der EU Produktionsstätten mit eben jenen Litauern besetzt werden, die maßgeschneiderte Hemden für vielleicht nur noch 2 Euro die Stunde fertigen. Ein flächendeckender Mindestlohn wird allerdings die Verdienstmöglichkeiten für SÄMTLICHE Arbeitnehmer auf faire Weise sichern.

Natürlich funktioniert dieses Prinzip nur dann wirklich gut und gerecht, wenn es in der gesamten EU derartige Mindestlohnvereinbarungen gibt (ansonsten behalten die Frauen im Eichsfeld vielleicht mit ihren Ängsten recht). Bis dahin ist es freilich noch ein weiter Weg, aber ich stehe ganz klar auf dem Standpunkt: Überall, also auch in Thüringen, müssen Politiker, die verantwortungsvoll handeln, für diesen Mindestlohn aktiv eintreten!

Ich schätze, dass wir bei Betrachtung dieser Problematik mit Sicherheit die gleichen Ansichten vertreten. Deshalb danke ich Ihnen noch einmal herzlich für Ihre Anfrage, die beweist, dass auch Sie einen eindeutigen Zusammenhang zwischen unzureichender Bezahlung und Abwanderung im Freistaat erkennen können.

Mit besten Grüßen aus Gotha

Ihr Matthias Hey