DIE GRÜNEN

Frage an Matthias Gastel von Gubznf Fpuüyyre bezüglich Verkehr und Infrastruktur

12. August 2019 - 10:51

Guten Tag Herr Gastel,

bezogen auf die von Herrn Staratschek eingebrachte Anfrage betreffs eines Nulltarife bei den öffentlichen Verkehrsmittel erklären Sie, dass die Grünen deutlich höhere Verkehrsanteile für die öffentlichen Verkehrsmittel wollen. Der entscheidende Hebel dafür wäre die Verbesserung der Angebote bei Bus, Straßen-/U-Bahn und Bahn, wofür massive Investitionen von rund 10 Milliarden Euro jährlich nötig wären. Aus diesem Grund würden Sie nichts von einem generellen Nulltarif halten, da die Finanzierung benannter Investitionen und der Verzicht auf sämtliche Fahrgeldeinnahmen nicht funktionieren würde.

https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/matthias-gastel/question/2019-…

Ich finde Ihre Antwort enttäuschend, denn ich sehe die Akzeptanz der öffentlichen Verkehrsmittel sehr von deren Preisen abhängig, die letzteren empfinde ich aber als überteuert und nicht konkurrenzfähig gegenüber dem PKW. Für die einfache Fahrt mit Bus und Bahn von Gersfeld/Rhön nach Meinigen am 31.07.2019 habe ich z.B. 6,50 € + 11,30 € = 17,80 € bezahlt und 2,4 h benötigt. Der Routenplaner weist für dieselbe Relation bezogen auf das Auto 54 Km und knapp 1 h Fahrzeit aus. Im Bus war ich am frühen Abend auf gut der Hälfte der Strecke der einzige Fahrgast und der Zug was nur zu etwa 30% besetzt.

Wie werten Sie das Preis-Leistungsverhältnis des benannten Beispiels?

Glauben Sie, dass Menschen in größerem Umfang auf öffentlichen Verkehrsmittel umsteigen werden, solange man zu zweit in einem Mittelklasse- PKW geringere Fahrtkosten generiert als mit der Fahrt zum Normaltarif in öffentlichen Verkehrsmitteln?

Ich sehe die aktuellen Tarife der öffentlichen Verkehrsmittel als unsozial, da diese Menschen mit niederem Einkommen quasi von der Mobilität ausschließen können.
Wie werten Sie diese Aussage?

Favorisieren die Grünen konkrete Tarifmodelle für die öffentlichen Verkehrsmittel, wenn ja wie segen diese aus?

Viele Grüße Thomas Schüller

Frage von Gubznf Fpuüyyre
Antwort von Matthias Gastel
22. August 2019 - 15:17
Zeit bis zur Antwort: 1 Woche 3 Tage

Sehr geehrter Herr Schüller,

danke für Ihre Anfrage. Gerne gehe ich auf den Sachverhalt nochmal ein.

Alle mir bekannten Studien wie auch praktische Erprobungen belegen, dass das Angebot von deutlich größerer Bedeutung ist als der Preis. Ein schlechtes, unzureichendes Angebot wird auch bei abgesenktem Preis kaum besser genutzt. In diese Richtung geht beispielsweise das Fazit des Leiters der Talliner Verkehrsbehörde (hier geht es um den "Nulltarif"), wonach Angebotsanpassungen schneller zu Fahrgaststeigerungen führen als Tarifanpassungen. Der Preis sei nicht alles und kein Grund für den Umstieg, wenn die Verkehrsmittel überfüllt, langsam, unzuverlässig und unkomfortabel sein würden. In Wien kamen die enormen Fahrgastzuwächse weniger durch das berühmte 365-Euro-Ticket zustande, als vielmehr schon zuvor durch den deutlichen Ausbau der Angebote und die Verknappung der Parkplätze. Das Ticket hat dennoch positive Effekte, so eine verstärkte Fahrgastbindung. Die Beispiele ließen sich fortführen. Daher braucht es beides: Niedrigere Tarife und - vor allem - den Ausbau der Angebote. Zum Ausbau der Angebote gehören: Dichtere Taktung und bessere Vertaktung öffentlicher Verkehrsmittel, Beschleunigungsmaßnahmen wie die Bevorrechtigung von Bussen an Ampeln, Streckenreaktivierungen bei der Bahn, Erschließung ländlicher Räume durch neue und innovative Bedienkonzepte usw. Wenn die Fahrt mit Bus und Bahn - wie in Ihrem Beispiel geschildert - mehr als doppelt so lang dauert wie mit dem Auto, dann könnte dies ein Hinweis auf ein unzureichendes Angebot sein (wobei ich mit der abschließenden Bewertung von Angeboten, die ich nicht kenne, zurückhalte). Der ÖPNV dürfte immer kostengünstiger sein als das Auto, wenn man dessen Kosten korrekt ermittelt und nicht auf die Kraftstoffkosten beschränkt. Die subjektive Wahrnehmung ist häufig eine andere. Die Tarifgestaltung obliegt den Tarifverbünden. Ich begrüße, was in Baden-Württemberg gemacht wurde: Der Verkehrs- und Tarifverbund Stuttgart (VVS) hat die Tarifstruktur radikal vereinfacht und die Preise um durchschnittlich 25 Prozent gesenkt. Das Land unterstützt dies finanziell und hat allen anderen Tarifverbünden im Land angeboten, sich dort ebenfalls an eventuellen Tarifabsenkungen zu beteiligen. Das Land nimmt aber auch sehr viel Geld in die Hand, um die Angebote im Regionalverkehr der Bahn und durch die Schaffung überregionaler Linien auch im Busverkehr erheblich auszuweiten.

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Gastel