Wie wollen Sie sicherstellen, dass die geplante AU-Pflicht ab dem ersten Krankheitstag und die Abschaffung der Telefon-AU psychisch und chronisch erkrankte Menschen nicht zusätzlich belasten?
Sehr geehrte Frau Wulf,
Ich sehe die geplante Reform mit großer Sorge. Menschen mit psychischen oder chronischen Erkrankungen erleben trotz guter Behandlung immer wieder kurzfristige Phasen, in denen Arbeiten nicht möglich ist. Zusätzliche Hürden könnten dazu führen, dass Betroffene aus Scham, Angst oder Überforderung trotz Erkrankung arbeiten (Präsentismus), anstatt sich krankzumelden.
Zudem erscheint mir die Begründung der Reform nicht eindeutig. Der Anstieg der Krankmeldungen seit 2022 wird nach Einschätzung von Krankenkassen und Fachleuten auch auf die vollständigere Erfassung durch die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zurückgeführt. Gleichzeitig liegt Deutschland im OECD-Vergleich bei den krankheitsbedingten Fehlzeiten nicht an der Spitze. Vor diesem Hintergrund würde mich interessieren, wie diese Aspekte im Gesetzgebungsverfahren berücksichtigt werden und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse den geplanten Maßnahmen zugrunde liegen.
Um die Wirtschaft anzukurbeln und den Wohlstand zu erhalten, hat sich die Koalition im Koalitionsausschuss am 01. Juli 2026 auf ein “Programm für Aufschwung und Beschäftigung” mit 34 Maßnahmen geeinigt, die umgesetzt werden sollen. Die von Ihnen angesprochene Abschaffung der telefonischen Krankschreibungen ist eine davon.
Diese Maßnahmen sollen nun in Gesetze gegossen werden und müssen nach der Ressortabstimmung und Beschlussfassung im Bundeskabinett auch das parlamentarische Verfahren im Bundestag durchlaufen. Da derzeit noch kein Gesetzentwurf vorliegt, können noch keine Aussagen dazu getroffen werden, wie beispielsweise mit chronischen Erkrankungen umgegangen wird.
In dem beschlossenen Programm ist vorgesehen, dass die Videosprechstunde sowie die rückwirkende Krankschreibung erhalten bleiben. Ferner soll die Möglichkeit bestehen bleiben, eine betriebliche Vereinbarung über eine attestfreie Zeit zu schließen.
Uns erreichen zur Zeit viele Zuschriften wie Ihre. Die Bedenken werden in die Beratungen mit einfließen.

