Inwiefern soll die geplante Gesundheitsreform und eine verpflichtende Krankschreibung ab dem ersten Tag die Gesellschaft entlasten?
Sehr geehrter Herr Pohlmann,
bereits jetzt sind Hausärzt:innen massiv überlastet. Die geplante Reform wird dieses Problem noch verstärken. Zudem bedeutet eine Krankschreibung ab Tag 1 und ein Wegfall der telefonischen Krankmeldung für chronisch Kranke eine enorme Verschlechterung ihrer ohnehin schon marginalisierten Lage. Stand jetzt gibt es für Erkrankungen wie Endometriose oder Migräne keine Heilung. Für Betroffene bedeutet ein Besuch beim Hausarzt also eine zusätzliche Belastung und schlimmstenfalls eine Verschlechterung der Symptome, während ja von vornherein ausgeschlossen ist, dass der Arztbesuch ihnen etwas bringt. Zudem kritisiert der Bundesverband der Hausärzt:innen die geplante Reform stark. Wie soll so noch der Anspruch gehalten werden, dass die Regierung evidenzbasierte Politik für die breite Masse macht?
Sehr geehrte Frau S.,
vielen Dank für Ihre Frage.
Ich kann gut nachvollziehen, dass die geplanten Änderungen in Teilen kritisch gesehen werden. Mir ist bewusst, dass die hausärztliche Versorgung bereits heute vielerorts – insbesondere im ländlichen Raum – an ihre Belastungsgrenzen stößt. Die Reform verfolgt jedoch das Ziel, das Gesundheitssystem insgesamt langfristig finanziell zu stabilisieren.
Bereits heute können Arbeitgeber die Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Krankheitstag verlangen. Künftig wird dies zwar grundsätzlich gesetzlicher Regelfall, Arbeitgeber können hiervon aber weiterhin abweichen und beispielsweise erst ab dem zweiten, dritten oder vierten Krankheitstag eine Bescheinigung verlangen. Auch die telefonische Krankschreibung war vor der Corona-Pandemie nicht vorgesehen und wurde zunächst als Ausnahmeregelung eingeführt. Nach den Rückmeldungen aus Gesprächen mit Fachkollegen gehe ich zudem davon aus, dass die Videosprechstunde als niedrigschwellige Versorgungsmöglichkeit erhalten bleiben soll.
Vor dem Hintergrund der im internationalen Vergleich hohen Zahl an Krankheitstagen in Deutschland halte ich die Rückkehr zur bisherigen Regelung grundsätzlich für vertretbar.
Gleichzeitig ist mir bewusst, dass sich daraus für einzelne Patientengruppen und für Hausarztpraxen zusätzliche Belastungen ergeben können. Deshalb werde ich die Auswirkungen der beschlossenen Regelungen aufmerksam verfolgen und mich dafür einsetzen, dass dort, wo sich in der praktischen Umsetzung unbeabsichtigte Nachteile zeigen, nachgesteuert wird.
Mit freundlichen Grüßen
Jan-Wilhelm Pohlmann, MdB

