Herbert Behrens
DIE LINKE
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Frage von Wöea Urvffyre an Herbert Behrens bezüglich Verkehr und Infrastruktur

# Verkehr und Infrastruktur 27. Nov. 2014 - 10:48

Sehr geehrter Herr Behrens,

am 04.11.2014 nahmen Sie an einem Internetchat zum Thema "Helmpflicht für Radfahrer" teil.

Dort wurde die Frage gestellt "Auf eine Milliarde im normalen Straßenverkehr gefahrene Fahrradkilometer, mit bzw. ohne Helm, kommen wie viele tödlich bzw. schwerst verletzte Radfahrer?" und Ihre Antwort darauf war "Kann ich Ihnen nicht sagen. Es ist für mich aber auch keine Notwendigkeit, sich zunächst mit dieser Frage zu beschäftigten. Zum späteren Zeitpunkt will ich das gerne recherchieren.".

Der einzig sinnvolle Grund, eine Helmpflicht für Radfahrer in Erwägung zu ziehen, kann nur sein, hierdurch die Sicherheit der Radfahrer merklich verbessern zu wollen.
Überall liest man, man solle doch einen Helm aufsetzen. Es scheint fast so, als sei vollkommen klar, dass das Fahren ohne Helm gefährlich ist.

Ich vergleiche Radhelme ganz gerne mit kugelsicheren Westen. Bei diesen steht außer Frage, dass sie einen guten Schutz gegen Pistolenbeschuss bieten. Trotzdem würde niemand auf die Idee kommen, eine allgemeine Schutzwestenpflicht einzuführen. Wir leben in einem recht sicheren Land, in dem die Gefahr von Pistolenbeschuss verschwindend gering ist.

Aber wie gefährlich ist eigentlich Radfahren? Wie gefährlich ist es mit bzw. ohne Helm? Brauchen wir wirklich Helme? Brauchen wir gar eine Helmpflicht?
Um diese Fragen beantworten zu können, brauchen wir aussagekräftige und verständliche Statistiken, deshalb die Frage noch einmal:

Auf eine Milliarde im normalen Straßenverkehr gefahrene Fahrradkilometer, mit bzw. ohne Helm, kommen wie viele tödlich bzw. schwerst verletzte Radfahrer?

Ich würde mich freuen, wenn Sie diese Frage recherchieren könnten, damit man die Radfahrer entweder mit brauchbaren Zahlen vom Helm überzeugen kann, oder damit man die gesamte Fahrradhelmdebatte begraben kann und sich geeignetere Maßnahmen überlegt, die Verkehrssicherheit zu stärken.

Danke im Voraus und beste Grüße aus Hamburg,

Jörn Heissler

Von: Wöea Urvffyre

Antwort von Herbert Behrens (LINKE) 09. Jan. 2015 - 14:53
Dauer bis zur Antwort: 1 Monat 1 Woche

Sehr geehrter Herr Heissler,

herzlichen Dank für Ihre Nachfrage. Ich bin immer noch der Meinung, dass Unfallverhütung Vorrang vor nachgelagerten Maßnahmen, wie z.B. die Einführung einer Helmpflicht, haben muss. Ich rate zwar jeder und jedem, einen Helm zu tragen, aber eine Pflicht würde an der falschen Stelle ansetzen. Ihre Analogie mit der kugelsicheren Weste ist durchaus treffend, wobei man auch noch hinzufügen könnte, dass statistisch betrachtet eigentlich über eine Helmpflicht für Fußgänger_innen debattiert werden müsste. Die Anzahl der tödlich verunfallten pro gelaufenem Kilometer (2013: innerorts insgesamt 27 Tote) ist um ein vielfaches höher als pro geradeltem (2013: 20), wobei der Irrsinn einer Helmpflicht auf Bürgersteigen sofort ins Auge sticht. Zugegebenermaßen würde sich der eben genannte statistische Zusammenhang etwas anders darstellen, wenn man auch die überörtlichen Straßen mit einbeziehen würde. Dies verweist jedoch nur darauf, dass man Statistiken immer in verschiedene Richtungen interpretieren kann und von daher selbige mit Vorsicht zu genießen sind.
Die aus statistischem Material zu gewinnende Grundfrage bleibt für mich jedoch, warum in den Niederlanden pro einer Mrd. gefahrenen Radkilometern "nur" 1,1 Menschen Opfer eines tödlichen Unfalls werden, in Deutschland hingegen 1,7 (da schätzungsweise 70% aller getöteten Radfahrer_innen hierzulande keinen Helm tragen, dürften es also 1,2 ohne und 0,5 mit Helm sein). In den Niederlanden wird erheblich mehr Rad gefahren, es gibt keine Helmpflicht und die Tragequote ist verschwindet klein - trotzdem ist das Verkehrsmittel Rad dort also viel sicherer.
Um schwere Unfälle mit Beteiligung von Radfahrer_innen zu verringern, müsste man auch hierzulande dieses Verkehrsmittel sichtbarer machen (z.B. durch mehr Radfahrstreifen), ihm mehr Raum im Straßenverkehr einräumen und nicht zuletzt innerorts für mehr Verkehrsberuhigung sorgen. So gesehen hat die Debatte um eine Helmpflicht nichts mit Radverkehrspolitik zu tun, sondern offenbart nur die Verweigerungshaltung der Koalition gegenüber diesem Verkehrsmittel.

Mit freundlichen Grüßen

Herbert Behrens