Wie wollen Sie in Zukunft die psychotherapeutische Versorgung sicherstellen?
Sehr geehrte Frau Borchardt,
Ihre eigene Rechnung als Antwort auf eine vorherige Frage zeigt, dass Psychotherapeut*innen selbst bei guter Auslastung nur ein vergleichsweise geringes Einkommen vor Steuern verbleibt – bei hoher akademischer Qualifikation, Verantwortung und unternehmerischem Risiko. Es stellt sich daher die Frage, wie unter diesen Bedingungen langfristig ausreichend Nachwuchs für die vertragspsychotherapeutische Versorgung gewonnen werden soll.
Zudem halte ich die Einordnung des Kassensitzes als „individuelle Investitionsentscheidung“ für problematisch: Der Zugang zur Versorgung gesetzlich Versicherter über die Kassenärztliche Vereinigung ist faktisch an einen solchen Sitz gebunden. Die Kosten sind damit systembedingt, nicht frei wählbar.
Welche konkreten Maßnahmen planen Sie, um unter diesen Voraussetzungen die Attraktivität des Berufs und somit die Versorgungssicherheit zu gewährleisten?
Ich habe mich zu diesem Themenkomplex in den vergangenen Antworten bereits ausführlich geäußert. Dabei habe ich sowohl die wirtschaftliche Lage psychotherapeutischer Praxen, die Frage der Honorierung, die Rolle der Kassensitze als auch die geplanten Reformschritte im Gesundheitswesen eingeordnet.
Grundsätzlich begrüße ich es ausdrücklich, wenn sich Berufsgruppen, Verbände und Interessengruppen zusammenschließen, ihre Anliegen bündeln und politische Entscheidungen kritisch begleiten. Das gehört zu einer lebendigen Demokratie. Politik muss zuhören, Argumente prüfen und unterschiedliche Perspektiven gegeneinander abwägen.
Gleichzeitig muss ich deutlich sagen: Die aktuelle Zuspitzung in Teilen der psychotherapeutischen Debatte halte ich für überzogen. Der Eindruck, die psychotherapeutische Versorgung werde politisch bewusst geschwächt oder wirtschaftlich unmöglich gemacht, entspricht nicht meiner Bewertung. Richtig ist: Wir haben im Gesundheitswesen insgesamt erhebliche Finanzierungsprobleme. Diese betreffen nicht nur Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten, sondern ebenso Ärztinnen und Ärzte, Krankenhäuser, Pflege, Apotheken, Heilmittelerbringer, Krankenkassen und vor allem die Beitragszahlerinnen und Beitragszahler.
Die Sicherstellung der psychotherapeutischen Versorgung bleibt ein wichtiges Ziel. Dazu gehören aus meiner Sicht vor allem eine realistische Bedarfsplanung, eine verlässliche Vergütung, der Abbau unnötiger Bürokratie, bessere digitale Prozesse, eine stärkere Verzahnung von ambulanter, stationärer und psychosozialer Versorgung sowie eine ehrliche Diskussion darüber, wie begrenzte Mittel im System verantwortbar eingesetzt werden.
Zur Frage der Kassensitze: Ich verstehe, dass der Erwerb eines Sitzes für viele Praxen eine erhebliche finanzielle Belastung darstellt. Zugleich bleibt es eine unternehmerische Entscheidung, zu welchem Preis ein solcher Sitz übernommen wird. Der Staat kann nicht jede individuelle Investitionsentscheidung nachträglich vollständig absichern. Dennoch ist klar: Wenn Zulassungssysteme, Bedarfsplanung oder regionale Versorgungsstrukturen Fehlanreize setzen, müssen diese politisch überprüft werden.
Entscheidend ist für mich, dass die Versorgung der Patientinnen und Patienten gesichert bleibt. Dabei darf Politik nicht nur die Perspektive einer einzelnen Berufsgruppe betrachten, sondern muss das gesamte System im Blick behalten. Es geht um Versorgungssicherheit, Beitragsstabilität und faire Rahmenbedingungen für alle Beteiligten im Gesundheitswesen.

