Sehr geehrte Frau Reisner, wie können wir die Weltuntergangsuhr wieder zurückdrehen?
Letzte Woche hat das Bulletin of the Atomic Scientists die Weltuntergangsuhr für 2026 veröffentlicht. Der Zeiger steht jetzt auf 85 Sekunden vor Mitternacht. Damit stehen wir näher vor dem globalen Zusammenbruch als je zuvor, sogar zu Zeiten des Kalten Krieges. Diese Einschätzung begründet das BAS mit dem steigenden Risiko eines Atomkrieges, der mangelnden Handlungsbereitschaft im Umgang mit der Klimakrise sowie neuartigen Risiken durch Biotechnologie und künstliche Intelligenz, alles verschärft durch die abnehmende Kooperationsbereitschaft der Großmächte.
https://thebulletin.org/doomsday-clock/2026-statement/
Wie versuchen Sie, diese Risiken zu mindern? Wie schätzen Sie die Aussichten ein?
Sehr geehrte Frau I.,
sie stellen eine wichtige und zu wenig diskutierte Frage! Die Weltuntergangsuhr auf 85 Sekunden vor Mitternacht zu stellen ist eine ernste Warnung, die ich vollständig teile. Das BAS benennt als Kernursache ein Versagen der Führung: Großmächte sind zunehmend aggressiv und nationalistisch, hart erkämpfte internationale Vereinbarungen kollabieren. Diese Diagnose teile ich – aber sie ist unvollständig. Dieses Versagen ist kein zufälliges Kompetenzproblem, sondern strukturell bedingt: durch imperialistische Konkurrenzlogik, fossile Kapitalinteressen und eine Rüstungsindustrie, die an Eskalation verdient.
Nuklear: Als Die Linke fordern wir seit Jahren den Beitritt Deutschlands zum Atomwaffenverbotsvertrag (TPNW) und den sofortigen Abzug der US-Atomwaffen von deutschem Boden. Die nukleare Teilhabe ist ein Relikt des Kalten Krieges und muss endlich beendet werden. (Siehe: Linke.de-Pressemitteilung; Bundestagsantrag 19/26172; Wahlprogramm 2021)
KI und autonome Waffensysteme: Das BAS warnt ausdrücklich vor dem wachsenden Einsatz von KI in militärischen Programmen.Als Die Linke fordern wir ein völkerrechtlich verbindliches Verbot letaler autonomer Waffensysteme und bis dahin ein deutsches Moratorium für deren Entwicklung und Anschaffung. KI-Entwicklung darf nicht dem Profitinteresse weniger Konzerne und militärischen Logiken überlassen werden. (Siehe: Bundestagsantrag 19/26299; Rede Kathrin Vogler im Bundestag, 31.01.2020; Wahlprogramm 2021)
Klima: Klimaschutz und Friedenspolitik sind untrennbar. Kriegswirtschaft und Aufrüstung sind massive CO₂-Treiber – das wird in der deutschen Debatte systematisch ausgeblendet. Wir fordern einen konsequenten sozial-ökologischen Umbau, der nicht durch Militärausgaben konterkariert wird.
Die Aussichten sind ernst – aber nicht hoffnungslos. Allerdings wird die herrschende Politik diese Krisen nicht von selbst lösen. Wer an Aufrüstung verdient, wer fossile Interessen vertritt, wer nationale Konkurrenz über internationale Kooperation stellt, hat keinen Anreiz, die Uhr zurückzudrehen. Deshalb braucht es Druck von unten: eine Friedensbewegung, die sich mit Klimabewegung und sozialen Kämpfen verbindet. Dafür stehen wir im Parlament und in unserer täglichen Arbeit vor Ort ein.
Mit solidarischen Grüßen
Lea Reisner

