Die vorgesehenen Kürzungen in der Psychotherapie stehen zur Debatte. Welche Meinung vertreten Sie?
Sehr geehrte Frau S.,
herzlichen Dank für Ihre Frage zu diesem wichtigen Thema. Aus gesundheitspolitischer Sicht ist die Absenkung psychotherapeutischer Leistungen angesichts der bereits bestehenden Versorgungslücken äußerst problematisch.
Psychotherapeutische Arbeit muss angemessen vergütet werden. Grundsätzlich sind Honorarvereinbarungen Teil der Selbstverwaltung, und es ist richtig, dass diese nicht direkt politisch festgelegt werden. Daher ist eine unmittelbare politische Einflussnahme weder möglich noch sinnvoll. Dennoch äußere ich mich hierzu ausdrücklich kritisch aus politischer Perspektive. In einer Lage, in der der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung kontinuierlich steigt, die Wartezeiten für viele Patient:innen bereits heute unzumutbar lang sind und Praxen gleichzeitig unter erheblichem wirtschaftlichem Druck stehen, senden pauschale Honorarkürzungen ein fatales Signal. Wenn Praxen finanziell unter Druck geraten und sich Fehlanreize zulasten von GKV-Versicherten entwickeln, wird die Versorgung insgesamt gefährdet.
Was es stattdessen braucht, sind nachhaltige Reformen und strukturelle Verbesserungen. Pauschale Kürzungen werden weder bestehende Fehlsteuerungen beheben noch die finanzielle Schieflage im Gesundheitssystem korrigieren können.
Angesichts vielfältiger gesellschaftlicher Krisen beobachten wir derzeit einen deutlichen Anstieg psychischer Belastungen – insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Das bestehende Hilfesystem kann die wachsende Nachfrage nach Unterstützung und Behandlung zunehmend nicht mehr auffangen und stößt schon jetzt an seine Grenzen. Zudem sind die Zugänge vielfach mit zu hohen Hürden verbunden. Es ist nicht akzeptabel, dass Menschen in psychischen Krisen monatelang auf Hilfe warten müssen und gleichzeitig die Suizidzahlen steigen. Ziel muss sein, allen Menschen im Bedarfsfall niedrigschwellige und passgenaue psychosoziale sowie therapeutische Angebote zu ermöglichen. Eine grundlegende Überarbeitung der Bedarfsplanung ist daher dringend erforderlich. Unser Anspruch ist: mehr Unterstützung und weniger Stigmatisierung.
Wir setzen uns als BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN weiterhin dafür ein, verlässliche Rahmenbedingungen zu schaffen. Psychische Gesundheit darf nicht vom Versicherungsstatus abhängen. Darüber hinaus engagieren wir uns konsequent für eine bessere Finanzierung der Psychotherapeut:innen in Weiterbildung sowie für eine insgesamt verbesserte Versorgungssituation.
Mit freundlichen Grüßen
Julian Joswig

