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Jens-Eberhard Jahn
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Frage von Hans-Joachim B. •

Frage an Jens-Eberhard Jahn von Hans-Joachim B. bezüglich Wissenschaft, Forschung und Technologie

Auch wenn Bildungspolitik Ländersache ist ... wie stehen Sie zu G8, d.h. Abitur in Berlin nach 12 Jahren?
Wie stehen Sie zur sechsjährigen Grundschule?
Was halten Sie von Gemeinschaftsfähigen?

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Antwort von
ÖDP

Sehr geehrter Herr B.,

vielen Dank für Ihre Fragen. Natürlich ist Bildungspolitik Ländersache, aber ich möchte nicht, dass das ausschließlich so bleibt: Es kann ja nicht sein, dass Kinder mitunter ein ganzes Schuljahr wiederholen müssen, nur weil sie mit ihren Eltern 50km weit umziehen. Ich bin bekennender Föderalist - nur damit schafft sich der Föderalismus Feinde.

Ich sehe G8 insgesamt kritisch: Der allgemein zu beklagenden Arbeitsverdichtung wird hier eine "Lernverdichtung" vorgelagert, die Stress schafft, selektiert und auch gar nicht nötig ist. Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ein Abi nach 12 Jahren ist zweifellos möglich. Nur dann müssten Lehrpläne, Kanones entschlackt und nicht verdichtet werden. Manchem Lehrplan täte dies sicher gut, anderen nicht. Ist man lebenstauglicher, wenn man Fontane gelesen oder einen Kugelinhalt berechnet hat? Schule, so sie sinnvoll ist, soll Persönlichkeit stärken und Neugier wecken, sich auch mit Themen zu beschäftigen, die Elternhaus und Peer-group nicht vorgeben. Die Frage nach der Anzahl von Jahren, in denen dies geschehen soll, scheint mir nicht die wesentliche zu sein, und doch: Ich plädiere dafür, sich zum Lernen Zeit zu nehmen. Doch Lernen ist ja, das wissen Sie, nicht an Schule gebunden.

Das vorherrschende mehrgliedrige und meist nach sozialer Herkunft gegliederte Schulsystem sehe ich überaus kritisch. Es würde auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken, wenn SchülerInnen auch jeweils andere Milieus und Schichten "ertragen" müssen und nicht in getrennten Institutionen, sondern binnendifferenziert unterichtet werden. Selektion lehne ich als Funktion von Schule ab, Qualifikation sollte im Vordergrund stehen. Da ist man in Berlin mit einer sechsjährigen Grundschle in diesem Sinn schon besser dran als woanders in Deutschland. Doch ich kann mir auch vorstellen, dass die SchülerInnen bis zur Profilbildung in Klassenstufe 9 gemeinsam lernen. Ab Klasse 9 könnte dann eine mannigfaltige inhaltliche und auch methodische Differenzierung erfolgen.

Kommen wir nach Selektion und Qualifikation zur dritten Funktion von Schule, der Sozialisation: "Gemeinschaftsfähigkeit" ist natürlich durchaus wichtig. Nur wie so ein Begriff, ein Schlagwort, gefüllt wird, darauf kommt es an und hierzu müsste ich mich noch mal konkret informieren, gern auch bei Ihnen!

Auch wenn Bildungspolitik zurzeit, wie gesagt, in der Verantwortung der Bundesländer liegt, ist sie mir sehr wichtig. Entscheidend ist, dass Schule nicht nur ausbildet und Chancen vergibt (ja, gewollt doppeldeutig), sondern Chancen und neue Wege eröffnet. Die Gesellschaft muss sich wandeln hin zu einer Wirtschaft ohne Wachstumszwang, hin zu mehr Solidarität und Nachhaltigkeit. Schule bildet Gesellschaft ab, sie bildet sie aber auch aus und trägt hier besondere Verantwortung dafür, wie wir oder unsere Kinder und EnkelInnen morgen leben.

In diesem Sinn werde ich mich auf Bundesebene in die Bildungspolitik einbringen. Schule soll Kraft geben! Ich erinnere mich an die Festrede zu meinem Abitur, die mein früherer Klassenlehrer hielt und die den Titel trug: "Du hast keine Chance - nutze sie!" Offen sein mit Mut zu Neuem. Das lernt man nicht durch Stoffverdichtung. Das lernt man in vielfältiger, bunter Lebenspraxis, auf die die Schule mit Muße, vielfältig und bunt vorbereiten sollte.

Konkreter konnte ich Ihnen heute nicht antworten, ich hoffe aber, Ihre Fragen sind zumindest ansatzweise beantwortet.

Herzliche Grüße

Jens-Eberhard Jahn