SCHEUERL

Frage an Walter Scheuerl von Gbz Evpxref bezüglich Arbeit

20. Juli 2011 - 08:41

Sehr geehrter Herr Scheuerl,

Viele Textilkonzerne, die ihre Produkte in Deutschland vertreiben, lassen diese in Ostasien und Menschen undwürdigen Bedingungen herstellen. Durch Kinderarbeit wird vielen Menschen in Ländern der dritten Welt der Zugang zu Bildung verwehrt, damit wir unsere Kleidung so billig wie möglich bekommen können.
Wie stehen sie zu einem Importverbot von Texilien, die nicht nachweislich unter fairen Bedingungen hergestellt wurden?
Wie kann die Kennzeichnung von fair produzierter Kleidung verbessert werden?
Inwiefern halten sie eine bessere Aufklärung über dieses Thema für notwendig?

Vielen Dank für ihre Antworten

Frage von Gbz Evpxref
Antwort von Walter Scheuerl
20. Juli 2011 - 14:28
Zeit bis zur Antwort: 5 Stunden 47 Minuten

Sehr geehrter Herr Rickers,

vielen Dank für Ihre Anfrage. Das Thema der Produktionsbedingungen von Textilien in Ländern der dritten Welt ist in der Tat sehr wichtig. Denn gerade bei uns in Europa wird inzwischen der weit überwiegende Teil aller Textilien in einigen wenigen ostasiatischen Ländern gefertigt. Während den Menschen in den Hauptexportländern, wie z. B. Bangladesch, zahlreiche Arbeitsplätze und damit die Chance auf einen wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt in ihrem Land gegeben wird, ist die Bereitschaft bei einzelnen Unternehmern in den ostasiatischen Ländern, durch Missachtung der lokalen arbeitsrechtlichen Gesetze zusätzlichen Profit zu machen, entschieden abzulehnen. Eine gute Möglichkeit, dies auszuschließen, ist die Kooperation mit Institutionen vor Ort, die die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen in den Textilfabriken kontrollieren. Zusätzlich können die Importeure in Deutschland darauf achten, nur mit solchen Lieferanten zusammenzuarbeiten, die die Einhaltung aller gesetzlichen Vorschriften, wie insbesondere das Verbot von Kinderarbeit, auch vertraglich zusichern und sich kontrollieren lassen. Auf diese Weise sowie durch eine Reihe von sozialen Projekten vor Ort setzt sich z. B. ein mir bekanntes Unternehmen für die Menschen in Bangladesch ein.

Ein Import-Verbot für Textilien, die nicht nachweislich "unter fairen Bedingungen" hergestellt wurden, würde wahrscheinlich an der Frage scheitern, was "faire Bedingungen" sind: Ist es "fair", wenn eine Näherin in Bangladesch einen Monatslohn erhält, der gemessen an den Lebenshaltungskosten im Land rd. 1.700 EUR Bruttogehalt einer Näherin in Deutschland entsprechen würde, oder ist nur ein Einkommen "fair", das ausgehend vom Wechselkurs umgerechnet 1.700 EUR entsprechen würde? Die Näherin in Bangladesch wäre dann eine reiche Frau... - und wer sollte die Bedingungen festlegen und kontrollieren?

Eine besondere Kennzeichnung von "fair" hergestellten Textilien halte ich aus den genannten Gründen ebenfalls für schwierig. Das Thema müsste sicherlich weiter vertieft behandelt werden und in einem Rahmen diskutiert werden, der den Raum diese Website sprengen würde.

Eine bessere Aufklärung über die wirtschaftlichen Zusammenhänge und die Lebensbedingungen unserer Mitmenschen in den Ländern der dritten Welt halte ich für sehr sinnvoll. Denn zur Zeit ist dieses Feld in den Medien oft noch zu sehr selbst ernannten Gutmenschen überlassen, die hier oft ideologisch argumentieren und mit den tatsächlichen Zuständen und Verhältnissen vor Ort manchmal nur wenig oder gar nicht vertraut sind.

Beste Grüße
Walter Scheuerl