Wie sind die vorgeschlagenen Kürzungen in der ambulanten Psychotherapie mit einer Forderung nach besserer Versorgung vereinbar?
Guten Tag, ich bin Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin und schon viele Jahre in einer Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie tätig. Seit Jahren nehme ich eine Zunahme an Schwere und Komplexität psychischer Erkrankungen in diesem Alter wahr. Auch die absolute Menge an Neuanmeldungen steigt dramatisch. Umso überraschender ist es, dass so viele Eltern sagen, dass sie ambulant leider keinen Therapieplatz bekommen haben oder schon lange darauf warten. Die geplanten Kürzungen sowie die diskutierte Budgetierung sind nicht nur unverhältnismäßig, bedenkt man, dass Psychotherapeuten die Facharztgruppe mit ohnehin niedrigsten Honoraren sind, sondern auch in hohem Maße fahrlässig gegenüber der Not psychisch Erkrankter und werden die Versorgungslage weiter verschärfen. Die Folge sind deutlich teurere stationäre Behandlungen! Ich bitte dringlichst auf die geplanten Kürzungen im Sinne der Versorgung einzuwirken. Freundliche Grüße, Stephanie S.
Sehr geehrte Frau S.,
vielen Dank für Ihre eindringliche Nachricht und für die präzise Schilderung aus der Versorgungspraxis. Sie machen sehr deutlich, was in der öffentlichen Debatte oft untergeht: Die Lage in der ambulanten Psychotherapie ist bereits heute angespannt, gerade für Kinder und Jugendliche. Nicht gekürzte, sondern verlässlich finanzierte Versorgung ist das Gebot der Stunde.
Die zum 11. März 2026 vom Erweiterten Bewertungsausschuss beschlossene Kürzung der Vergütung um 4,5 Prozent ist aus unserer Sicht der falsche Weg. Sie spart nur 224 Millionen Euro beziehungsweise 0,05 Prozent der GKV-Gesamtausgaben, während psychische Erkrankungen in Deutschland jährlich Kosten von rund 147 Milliarden Euro verursachen; das zeigt, wie kurzsichtig diese Entscheidung ist.
Gerade im Bereich der Psychotherapie ist diese Kürzung besonders widersinnig, weil ambulante Behandlung hilft, schwere Verläufe zu verhindern, Wartezeiten zu verkürzen und teure stationäre Behandlungen zu vermeiden. Wenn ein Therapieplatz im Schnitt erst nach 142 Tagen erreichbar ist und psychische Erkrankungen bereits heute einen erheblichen Anteil an Frühverrentungen und Folgekosten ausmachen, dann braucht es Ausbau und nicht Abwertung.
Aus unserer Sicht ist klar: Wer Versorgung verbessern will, darf nicht bei einer ohnehin schlecht bezahlten Fachgruppe kürzen, die überwiegend unter hohem Druck, mit langer Ausbildung und in einem durch Bürokratie belasteten System arbeitet. Wir unterstützen deshalb sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene hier in Sachsen die Forderung, die Kürzung zurückzunehmen, die psychotherapeutische Versorgung bedarfsgerecht auszubauen und zusätzliche Kassensitze sowie die Finanzierung von Weiterbildung und frühen Hilfen endlich verlässlich abzusichern. Im Sächsischen Landtag haben wir bereits letztes Jahr einen Antrag eingebracht (Drs. 8/4282) mit dem Ziel, die Versorgung psychisch erkrankter Menschen im Freistaat zu verbessern. Auch die nunmehr angekündigten Vergütungskürzungen planen wir in unsere parlamentarische Arbeit aufzunehmen.
Für Ihre wichtige Arbeit und Ihr Engagement danken wir Ihnen ausdrücklich. Hinweise aus der Praxis wie die Ihren sind für unsere politische Arbeit unverzichtbar.
Mit freundlichen Grüßen
Susanne Schaper

