Wieviele Geschlechter gibt es denn nun? (Ernsthafte Frage)
Sehr geehrte Frau Sziborra-Seidlitz,
Sie hatten einmal im Landtag auf eine Frage der AfD, wieviele Geschlechter es denn gäbe, mit der Zahl "42" geantwortet. Quelle: https://www.instagram.com/reel/DL-HYAkoDxR/
Nun haben Sie vor einigen Tagen bei einer Wahlkampfveranstaltung gesagt, die von Ihnen genannte "42" sei eine Anspielung auf irgend ein Science-Fiction-Buch gewesen und nicht als ernste Antwort zu verstehen gewesen. Auch hier haben Sie es dann in einem Nachtrag zu Ihrer Antwort eingefügt, dass die 42 nur "ein Scherz" gewesen sei. Quelle: https://www.abgeordnetenwatch.de/profile/susan-sziborra-seidlitz/fragen-antworten/sie-sagen-es-existieren-42-geschlechter-koennen-sie-mir-das-ein-wenig-erklaeren
Nun möchte ich bitte dennoch nochmals fragen: Wieviele Geschlechter gibt es denn? Einerseits sagen Sie, es gäbe nur Männlich, Weiblich, Divers (also m/w/d), andererseits wird das von nahezu allen Queer-Menschen verneint. Also wieviele Geschlechter gibt es nun???
MfG
Dr. D.
Sehr geehrter Herr Dr. D.
vielen Dank für Ihre Nachfrage. Ich nehme sie ernst und beantworte sie gern ausführlich.
Zuerst zur 42: Daran hat sich nichts geändert. In der Landtagsdebatte im Juli 2025 habe ich auf die Frage, wie viele Geschlechter es gebe, mit „42“ geantwortet. Das ist die berühmte Zahl aus Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“. Dort rechnet ein Supercomputer Millionen Jahre lang und verkündet dann die Antwort „42“. Erst danach merken alle, dass niemand genau wusste, wie die Frage eigentlich lautete. Genau darum ging es mir. „Wie viele Geschlechter gibt es?“ klingt nach einer einfachen Frage, ist aber ungenau gestellt. Die 42 war eine Pointe, aber sie hatte einen ernsten Kern.
Ich habe nicht gesagt, es gebe „nur männlich, weiblich, divers“. Ich habe beschrieben, welche Einträge das deutsche Recht kennt. Das ist eine Aussage über das Personenstandsrecht. Sie sagt nichts darüber, wie viele Geschlechter es in der Gesellschaft gibt. Seit dem Selbstbestimmungsgesetz gibt es im Grunde vier Möglichkeiten, nämlich „männlich“, „weiblich“, „divers“ oder gar keinen Eintrag.
Nun zur eigentlichen Frage. Geschlecht ist nämlich keine einzelne Eigenschaft, sondern hat mehrere Dimensionen:
- Das körperliche Geschlecht. Es besteht selbst schon aus mehreren Ebenen: Chromosomen, Keimdrüsen, Hormone, innere und äußere Geschlechtsorgane und sekundäre Geschlechtsmerkmale wie Bartwuchs oder Brustentwicklung. Bei den allermeisten Menschen passen diese Ebenen eindeutig zusammen, sie sind männlich oder weiblich. Bei einem kleinen Teil der Menschen ist das nicht so. Die Medizin spricht dann von Varianten der Geschlechtsentwicklung. Für diese Menschen hat das Bundesverfassungsgericht 2017 eine Eintragsmöglichkeit jenseits von „männlich“ und „weiblich“ verlangt.
- Die Geschlechtsidentität. Damit ist das innere Wissen eines Menschen gemeint, welchem Geschlecht er angehört. Meist stimmt sie mit dem Körper überein, manchmal nicht. Das betrifft trans Menschen und auch nicht-binäre Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau erleben.
- Der Geschlechtsausdruck und die soziale Rolle. Dazu gehört, wie jemand auftritt und sich kleidet, und welche Erwartungen die Gesellschaft an „Männer“ und „Frauen“ richtet. Das verändert sich mit der Zeit. Vieles, was vor fünfzig Jahren als „unweiblich“ galt, ist heute selbstverständlich.
- Das rechtliche Geschlecht. Das ist der Eintrag im Personenstandsregister, wie oben beschrieben.
Ihre Frage hat also je nach Dimension eine andere Antwort. Rechtlich gibt es vier Optionen. Körperlich gibt es zwei Grundformen, männlich und weiblich, und daneben Variationen, die sich nicht sauber in diese zwei Kästchen sortieren lassen. Bei der Identität gibt es so viele Selbstbeschreibungen, wie Menschen sie für sich finden. Die muss der Staat nicht zählen, er muss sie respektieren.
Deshalb ist es auch kein Widerspruch, wenn queere Menschen „m/w/d“ zu eng finden. Sie sprechen über Identität, nicht über einen Registereintrag. Das sind zwei verschiedene Ebenen.
Eine einzige Zahl, die alle diese Ebenen auf einmal abbildet, gibt es nicht. Wer trotzdem eine verlangt, bekommt von mir weiterhin die ehrlichste Antwort, die Douglas Adams dafür hatte: 42.
Politisch geht es mir um etwas anderes. Jeder Mensch soll so leben können, wie er ist, ohne dafür Behörden, Gutachter oder Gerichte überzeugen zu müssen. Das kostet niemanden etwas und nimmt niemandem etwas weg.
Mit freundlichen Grüßen
Susan Sziborra-Seidlitz

