Wie ist Ihre Haltung zur geplanten Budgetierung ambulanter Psychotherapie mit dem geplanten GKV-Stabilisierungsgesetz?
Im GKV-Stabilisierungsgesetz soll ambulante Psychotherapie budgetiert (gedeckelt) werden. Die bisherige extrabudgetäre Vergütung soll hierdurch für ambulante Psychotherapie abgeschafft werden. Das bedeutet faktisch noch weniger Therapieplätze, als es ohnehin schon gibt - für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Wie ist Ihre Haltung dazu, und wie genau werden Sie diese im Rahmen des Gesundheitsausschusses vertreten?
Guten Tag Herr R..
Ich unterstütze die von Ihnen dargelegten Pläne der Regierung NICHT.
Die Psychotherapie, insbesondere die ambulante Psychotherapie ist nicht nur einer der Leistungsbereiche der GKV, deren Kosten am wenigsten ins Kontor schlagen, sie ist darüber hinaus auch ein Bereich mit dem höchsten "return on invest". Für jeden Euro, der in die Psychotherapie investiert wird, ersparen wir uns Folgekosten von 3,26 Euro. Anders herum: Jeder Euro, den wir heute in diesem Bereich sparen, wird später mit (mindestens) 3,26 Euro zu Buche schlagen.
So weit die schnöden Zahlen.
Was es jedoch bedeutet, wenn Eltern ein suizidgefährdetes Kind über Monate begleiten müssen, ohne einen Therapieplatz in Aussicht zu haben, das kann wahrscheinlich kaum jemand auch nur ansatzweise nachfühlen. Dabei trifft diese Situation wahrscheinlich sehr viel mehr Eltern, als wir ahnen. Immerhin liegt der Therapiebedarf bei Kindern und Jugendlichen bisweilen bei ca. 27%.
Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz liegen aktuell bei ungefähr 9 Monaten, laut dem "Aktionsbündnis Psychotherapie e.V.", könnte sich diese aufgrund der geplanten Gesetzesänderung auf 15 Monate verlängern. Darüber hinaus stehen bereits heute, infolge der 4,5%igen Absenkung der Honorare, etwa 2 Therapieplätze pro Praxis (84.000 Plätze) nicht mehr den GKV-Versicherten sondern den Privat-Versicherten zur Verfügung.
Die Honorar-Kürzung wird - laut GKV-Spitzenverband - durch die Strukturzuschläge abgemildert, die aber in der Realität kaum eine Praxis erreichen kann. Die Einbußen anderweitig zu kompensieren wird schwierig, da sich die Psychotherapeuten bezüglich des Einkommens sowieso schon am unteren Ende der Statistik einreihen, und das vor dem Hintergrund einer durchschnittlich 10-jährigen und meist kostspieligen Ausbildung. Und um das Drama komplett zu machen, ist noch immer nicht abschließend geklärt, wer für die Finanzierung der für den klinischen Einsatz von approbierten Psychotherapeuten notwendigen Weiterbildung verantwortlich ist.
Gerade die von Ihnen erwähnte Rückkehr zur Budgetierung in der ambulanten Psychotherapie ist nichts anderes als eine kalte Leistungsbegrenzung auf dem Rücken psychisch kranker Menschen. Wer die extrabudgetäre Vergütung streicht, spart eben nicht an Bürokratie, er spart viel eher Wartezeiten, Chronifizierung und Versorgungslücken herbei.
Ich bin mir also der prekären Lage bewusst, in der sich die Psychotherapeuten aktuell befinden, und tue mein Möglichstes, um sie in ihrem Kampf für faire und vor allem nachhaltige Arbeitsbedingungen zu unterstützen.
Wenn wir heute die Psychotherapie ausbluten lassen, dann werden wir zukünftig mit geradezu katastrophalen Zuständen rechnen müssen. Mehr Klinikaufenthalte (auch und gerade für Kinder und Jugendliche), mehr Chronifizierung, mehr Frühverrentungen, mehr Fehlzeiten, aber auch mehr Erkrankte selbst, weil natürlich auch Angehörige vermehrt unter diesen Situationen zu leiden haben werden.
Ich kann Ihnen zusichern, dass ich nicht nachlassen werde, mit Psychotherapeuten zu reden, mit Verbänden ins Gespräch zu kommen, bei Anhörungen im Petitions- und im Gesundheitsausschuss die entsprechenden Fragen zu stellen, und natürlich auch, die Öffentlichkeit über diese Situation zu informieren.
Ich wünsche Ihnen und uns viel Kraft und einen langen Atem für diese wichtige Aufgabe.
Herzliche Grüße
Nicole Hess

