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Linda Neddermann
Bündnis 90/Die Grünen
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Frage von Jöran K. •

Frage an Linda Neddermann von Jöran K. bezüglich Gesundheit

Hallo,

da deine Haltung zur Drogenpolitik ja von der Haltung der meisten Grünen abweicht würde ich dazu gerne noch mehr wissen.

1: Du schreibst einerseits "Drogenabhängigkeit kann mit polizeilichen und strafrechtlichen Mitteln nicht bekämpft werden." und andereseits "ich bin überhaupt nicht für die Legalisierung von Drogen!" - wie passt das zusammen?

2: Ist deine Haltung zu Cannabis anders als zu anderen illegalen Drogen? Oder ist das für dich alles eins?

3: Wie stehst du zur Entkriminalisierung von Cannabis-Nutzern? Ganz konkret: Was sollte deiner Meinung nach passieren wenn jemand beim Eigenanbau von Cannabis auf 1m² "erwischt" wird?

4: Siehst du das Gefahrenpotential von Cannabis wesentlich Höher als das von Alkohol?

5: Wie stehst du zum Thema Cannabis als Medizin?

6: Wie stehst du zum Thema Drugchecking und Konsumräume?

7: Würdest du Alkohol verbieten wenn du "König von Deutschland" wärst?

Danke

Portrait von Linda Neddermann
Antwort von
Bündnis 90/Die Grünen

Hallo Jöran,

zuerst einmal möchte ich klarstellen, dass meine Meinung nicht von der
Haltung der Grünen abweicht. Die Grünen sind nicht für die Legalisierung
von Drogen, sondern die Grüne Jugend auf Bundesebene.

1. Prävention und Hilfe muss statt Kriminalisierung wieder Ziel der
Drogenpolitik werden! Drogensucht ist eine Krankheit, die nicht durch
Strafen und PolizistenInnen geheilt werden kann. Wie ich bereits in der
Antwort an Herrn Knoll schrieb: "Ein wirksames Drogenhilfesystem spielt
[...]eine wichtige Rolle. Wichtig sind eine sinnvolle Vernetzung der
Angebote zur Beratung, Behandlung und Unterstützung von Betroffenen
sowie die Entwicklung von Qualitätskriterien." Suchthilfe und Prävention
sollen im Vordergrund stehen.

2. Ich stelle Cannabis nicht mit Heroin oder Kokain auf eine Stufe. Die
Einnahme von Heroin ruft starke geistige und körperliche Abhängigkeit
hervor- oft schon nach dem ersten Konsum. Cannabis besitzt nachweislich
im Vergleich zu anderen Drogen ein geringes geistiges und körperliches
Abhängigkeitspotenzial. Ich denke, dass man zwischen sogenannten
"harten" und "weichen" Drogen unterscheiden sollte.

3. Auch wenn ich grundsätzlich nicht für eine Legalisierung von Cannabis
bin, sollten meiner Meinung nach Cannabis-Individualnutzer nicht
überhart bestraft werden.

4. Meines Erachtens ist Cannabis im Hinblick auf das Gefahrenpotential
ungefähr vergleichbar mit Alkohol und Nikotin. Die Auswirkungen von
Alkohol werden oftmals unterschätzt. Insgesamt sehe ich aber den Konsum
von Cannabis problematischer. Es bestehen akute Risiken, die vor allem
die Psyche betreffen: Paranoia, Halluzinationen, so genannte
"Horrortrips", Erinnerungslücken und weitere negative Empfindungen
können sich einstellen. Der *Langzeitkonsum***von Cannabis hat
psychische, soziale und körperliche Folgen. Belegt ist, dass
Cannabiskonsum auf Dauer die geistige Leistungsfähigkeit
(Aufmerksamkeit, Konzentration, Lernfähigkeit) verschlechtert. Als
gesichert gilt, dass die Gefahr für Lungenkrebs steigt, weil
Cannabisrauch mehr krebserregende Stoffe enthält als eine vergleichbare
Menge Tabakrauch.

Ein erheblicher Unterschied zwischen Alkohol und Cannabis besteht
außerdem in der Abbaugeschwindigkeit. Die Abbaugeschwindigkeit von
Alkohol beträgt durchschnittlich 0,15% und mindestens 0,1 ‰ pro Stunde.
Damit wird das "Zellgift Alkohol" relativ schnell vom Körper abgebaut.
Im Gegensatz dazu kann THC selbst einige Stunden oder Tage nach dem
letzten Konsum im Blut und Urin nachgewiesen werden. Allerdings können
einzelne Stoffwechselprodukte, je nach Intensität und Dauer des
vorausgegangenen Cannabis-Konsums, bis zu einem Monat, eventuell auch
noch länger im Urin nachgewiesen werden.

5. In der Medizin wird Cannabis u.a. als Appetitanreger und
Stimmungsaufheller sowie zur Schmerzlinderung eingesetzt, zum Beispiel
bei Krebserkrankungen, Epilepsie, MS und Aids. Ich halte das für sehr
sinnvoll und setze mich für weitere Erleichterungen für die medizinische
Verwendung von Cannabis ein.

6. Ich halte die sogenannte Drogenprüfung und Konsumräume für sehr
sinnvoll, da auf diese Weise Suchtkranken ein menschenwürdiger Umgang
mit ihrer Krankheit ermöglicht wird und ihnen so am besten geholfen
werden kann. Konsumräume dienen der überwachten Einnahme mitgebrachter
Substanzen. Injektionsutensilien und Materialien für einen hygienischen
risikoärmeren Konsum in einer Angst- und Stressfreien Atmosphäre werden
von den Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Außerdem gibt es dort
Angebote zur Beratung und Vermittlung in weiterführende Angebote (als
Einstieg zum Ausstieg aus der Sucht). Durch das Drug-Checking können
potentielle Konsumenten vor besonders gesundheitsschädlichen Präparaten
gewarnt werden. Allerdings ist es meines Erachtens am wichtigsten dafür
zu sorgen, dass eine Sucht erst gar nicht entsteht. Dazu bedarf es
früher Aufklärung und weiteren Hilfs-Angeboten.

7. Wenn ich Königin von Deutschland wäre, würde ich Alkohol nicht verbieten.

Mit freundlichen und jung-grünen Grüßen,

Linda Neddermann