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Linda Heitmann
Bündnis 90/Die Grünen
92 %
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Ist eine Freigabe von Cannabis ethisch und gesundheitspolitisch vertretbar, obwohl es häufig die Depersonalisation auslöst, eine schwere, meist unheilbare und nicht behandelbare Erkrankung?

Cannabis kann eine schwere psychische Störungen auslösen: Die Depersonalisations-Derealisationsstörung oder kurz Depersonalisation (ICD-10: F48.1; ICD-11: 6B66). Etwa 1% der Bevölkerung sind betroffen [1,2]. In 25% dieser Fälle sind Drogen der Auslöser, am häufigsten durch Cannabis [3,4]. Oft genügt bereits ERSTMALIGER Konsum.

Die Störung ist meist lebenslang und unheilbar und führt nicht selten zum Suizid. Eine wissenschaftlich anerkannte Therapie existiert nicht und Forschung gibt es so gut wie keine, denn die Psychiatrie ignoriert das Krankheitsbild. Die Depersonalisation ist wahrscheinlich viel häufiger eine Folge von Cannabiskonsum als die Psychosen.

Wird die Politik auch wegschauen, indem sie Cannabis legalisiert und zulässt, dass noch mehr Menschen Opfer dieser Krankheit werden?

[1] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15022041/
[2] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35699456/
[3] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/14651505/
[4] https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/19538903/

Frage von Peter F. am
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Antwort vom
Zeit bis zur Antwort: 1 Woche 3 Tage

Sehr geehrter Herr F.,

vielen Dank für Ihre Frage.

Wir Grüne setzen uns seit Jahren für eine regulierte Abgabe von Cannabis zu Genusszwecken ausschließlich an Erwachsene ein. Mit dem Ziel, dem Konsum von Cannabis bei Erwachsenen einen gesetzlich geregelten Rahmen zu geben, der Gesundheitsschutz und vor allem Jugendschutz überhaupt erst möglich macht. Daher bin ich sehr froh, dass sich die Koalition auf die kontrollierte Freigabe von Cannabis zur Stärkung des Gesundheitsschutzes verständigt hat.

Durch meine jahrelange Erfahrung in der Suchtkrankenhilfe bin ich gut mit den Folgen von Cannabismissbrauch und den Risiken für einen gesundheitsschädlichen Umgang damit vertraut. Daher bin ich davon überzeugt, dass es erst durch die kontrollierte Freigabe möglich wird, die gesundheitlichen Risiken zu minimieren. Während sich diese im Zusammenhang mit Cannabis durch die Prohibition massiv erhöhen. Cannabis auf dem Schwarzmarkt ist häufig mit gefährlichen Streckmitteln wie Blei oder synthetischen Cannabinoiden versetzt und die Konzentration der Wirkstoffe ist für die Konsumierenden völlig intransparent. Jugendliche können Cannabis vom Schwarzmarkt außerdem an jeder Straßenecke leicht kaufen. Auf einem regulierten Markt mit Cannabisfachgeschäften, zu denen nur Erwachsene Zugang hätten, wäre das Cannabis frei von Streckmitteln und die Wirkstoffe klar deklariert. Das erhöht den Gesundheitsschutz signifikant.

Die Entstehung von Psychosen ist multifaktoriell. Auch wenn Psychosen in einem statistischen Zusammenhang mit dem Konsum von Cannabis stehen, ist ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang nicht belegt. Eine gängige Hypothese ist, dass Menschen mit einer Prädisposition für Psychose im Rahmen eines fehlgeleiteten Selbstmedikationsversuchs häufiger zu Cannabis greifen; möglich ist auch ein „common cause“ – also eine oder mehrere Ursachen, die beides triggern, Psychose und Substanzkonsum.

Menschen, die unter Depersonalisation leiden, fühlen sich, als seien sie nicht sie selbst. Der damit verbundene Leidensdruck ist enorm. Die Ursachen können vielfältig sein, nicht selten hängen sie zusammen mit einer traumatischen Erfahrung, auch Drogen- und insbesondere Alkoholkonsum können Risikofaktoren sein. Deswegen setze ich mich im Bundestag für eine Verschärfung der Werbeverbote von Alkohol, Nikotin und natürlich für eine wirksame Prävention im Rahmen der neu zu schaffenden gesetzlichen Regulierung von Cannabis ein. Prävention muss in den Lebenswelten ankommen, in den Schulen, bei Freizeitangeboten und im außerschulischen Bereich. Gleichzeitig muss auch die Suchhilfe mitgedacht werden. Jugendliche, die Cannabis bereits konsumieren, aber auch Erwachsene mit problematischen Konsummustern und schlechten Rauscherfahrungen müssen Beratung und medizinische Hilfe bekommen – ohne Strafverfolgung fürchten zu müssen und diskriminierungsfrei. Strafandrohungen halten Menschen nicht vom Konsum ab. Jedoch schrecken sie Menschen sehr wohl ab, sich Hilfe zu suchen, wenn sie benötigt wird. Auch diese schädliche Nebenwirkung der Prohibition möchten wir mir der regulierten Freigabe von Cannabis an Erwachsene abschaffen.

Mit freundlichen Grüßen
Linda Heitmann

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