Wie kann sichergestellt werden , dass der Bildungserfolg nicht vom sozialen Hintergrund abhängt ?
Sehr geehrte Frau J.,
vielen Dank für Ihre wichtige Anfrage. Bildung ist der Schlüssel zu Teilhabe, Chancengleichheit und einem selbstbestimmten Leben – und dieser Schlüssel muss allen Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen offenstehen, unabhängig davon, wo sie aufwachsen oder welche finanziellen Möglichkeiten ihre Familien haben.
Wir setzen uns als Fraktion dafür ein, dass Bildungsungleichheiten von Anfang an bekämpft werden. Der Nationale Bildungsbericht 2026 und der Abschlussbericht der von uns eingesetzten Enquetekommission „Chancengleichheit in der Bildung“ zeigen klar: Soziale Ungleichheit kumuliert sich von der frühen Kindheit bis in die nachschulische Bildung und wird in Nachteilen bei der Bildungsbeteiligung, den Bildungsabschlüssen und dem Kompetenzerwerb sichtbar.
Um dies zu ändern, braucht es ein ganzheitliches Konzept, das früh ansetzt:
Fördern statt befördern – Chancenjahr:
Das neue Kinderbildungsgesetz der schwarz-grünen Landesregierung in NRW führt zu größeren Gruppen und lückenhaften Personalstandards in den Kitas und die Einführung von ABC-Klassen an den Schulen verschlingt Jahr für Jahr rund 100 Millionen Euro alleine für Busfahrten; obendrauf kommen noch die Ausgaben für eine neue Parallelstruktur.
Das ist nicht nur kostspielig und ineffizient, sondern auch inhaltlich der falsche Weg: Kinder brauchen stabile Beziehungen, verlässliche Betreuung und qualitativ hochwertige Bildung – dafür sind die Kitas der richtige Ort, dafür ist das Chancenjahr das richtige Mittel. Mit einem ganzheitlichen Chancenjahr direkt in der Kita wollen wir dafür sorgen, dass Sprachförderung, Motorik und soziale Entwicklung dort stattfinden, wo Kinder sich sicher fühlen und am besten lernen – im vertrauten Alltag ihrer Einrichtung.
Wir als SPD-Fraktion stehen für ein anderes Verständnis von Schuleingang und Förderung: Jedes Kind bringt unterschiedliche Voraussetzungen mit – und genau darauf muss Schule flexibel und individuell reagieren können. Dafür brauchen wir gut ausgestattete Grundschulen, multiprofessionelle Teams und echte Unterstützung im Unterricht – nicht neue Parallelstrukturen und zusätzliche Belastungen für Familien.
Bildung statt reine Betreuung – Ganztag:
Der Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz ist ein zentraler Schritt für mehr Chancengleichheit und für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dass aber fast jede dritte Grundschule in NRW bezweifelt, diesen Anspruch ab dem Sommer wirklich umsetzen zu können, ist ein unüberhörbares Alarmzeichen – und ein klarer Hinweis darauf, dass die Landesregierung viel zu lange nur zugeschaut hat. Ein guter Ganztag ist mehr als eine organisatorische Betreuungslösung: Ganztag ist ein Bildungsversprechen.
Er braucht verlässliche Strukturen, Raum für Förderung, Zeit für soziale Bildung und echte pädagogische Qualität.
Der Rechtsanspruch kommt – und das ist richtig so. Aber ein Anspruch auf dem Papier hilft keiner Familie, wenn er zum leeren Versprechen wird und vor Ort nicht eingelöst werden kann. Das Land muss die Kommunen endlich substanziell unterstützen, statt die Verantwortung weiter abzuwälzen. Wer Ganztag will, muss ihn auch finanzieren.
Ganztag muss zudem für Kinder insgesamt besser werden, nicht nur länger. Wir brauchen mehr Fachkräfte, bessere Arbeitsbedingungen, verlässliche Standards und endlich einen echten Investitionsschub für Räume und Ausstattung. Die SPD-Fraktion im Landtag NRW fordert daher seit langem ein Landesausführungsgesetz, welches Klarheit und Planungssicherheit geben würde.
Wir wollen, dass jedes Kind in NRW einen Platz bekommen kann – unabhängig vom Wohnort und vom Geldbeutel der Eltern. Damit das gelingt, muss das Land jetzt liefern: mit Geld, Personaloffensiven und einem konkreten Umsetzungsplan statt Durchhalteparolen.
Verbesserung der Rahmenbedingungen – Programm Startchancen:
Das Startchancen-Programm ist ein wichtiger Schritt, um Schulen und Kitas in sozial benachteiligten Lagen gezielt zu unterstützen. Wir setzen uns dafür ein, dass dieses Programm ausgeweitet wird, damit mehr Einrichtungen davon profitieren können. Gleichzeitig fordern wir kostenfreie Bildung – von der Kita-Beitragsfreiheit bis zum kostenfreien Mittagessen in Schulen und Kitas – um gleiche Chancen unabhängig von Wohnort oder sozialer Herkunft zu verwirklichen. Denn Armut wirkt sich mehrdimensional auf das Leben, die Entwicklung und die Zukunftschancen von Kindern aus. Sie betrifft ihre Gesundheit, ihren Bildungsweg und ihre Möglichkeiten der sozialen Teilhabe. Es kann nicht sein, dass jedes fünfte Kind in Deutschland von Armut betroffen ist und diese Situation sich seit fast zwei Jahrzehnten auf hohem Niveau stagniert.
Unser Ziel bleibt klar: Wir wollen eine Schule, die integriert statt aussortiert. Eine Schule, die fördert, ohne zu stigmatisieren. Und eine Bildungspolitik, die sich konsequent an Chancengleichheit orientiert.
Mit freundlichen Grüßen
Jochen Ott
P.S. beide Berichte habe ich Ihnen verlinkt, unter diesem Link finden Sie Sie zudem unseren Antrag „Nationalen Bildungsbericht 2026 ernst nehmen (…) – NRW braucht endlich eine Gesamtstrategie für mehr Chancengleichheit und eine Entkopplung von Bildungserfolg und Herkunft“ (Drs. 18/20415, vom 07.07.26).

