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Janosch Dahmen
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Frage von Reinhild T. •

Psychotherapie bringt Einsparungen in vielen Bereichen. Wie kann man rechtfertigen, diese Hilfe durch massive Sparmaßnahmen einzuschränken, die dann hohe Folgekosten nach sich ziehen werden?

Sehr geehrter Herr Dahmen,

psychische Erkrankungen sind häufiger anzutreffen bei den sozial Schwächeren. Durch Corona ist z.B. Schulabsentismus enorm angewachsen bei solchen Kindern, in deren Familien schon vorher Probleme bestanden. Wie viel kostet es den Staat, wenn ein Kind aus seiner Schulkarriere herausfällt? Es dürfte wesentlich mehr sein, als die Krankenkasse für Psychotherapie ausgeben würde, seien es Schulersatzmaßnahmen, spezialiserte Sonder-Ausbildungsprogramme oder - bei Kompensation der psychischen Probleme durch Gewalt - auch Polizei- und Justizvollzugskosten und anderes mehr.

Bei Demonstrationen in D und DO gegen die Einsparungen bei Psychotherapie sah ich Plakate mit dem Satz: "Kann man machen, ist halt dumm."

Bitte setzen Sie sich dafür ein, dass nicht ausgerechnet bei Psychotherapie massiv eingespart wird und die soziale Schere dann auch an dieser Stelle weiter auseinander geht. Psychisch Kranke erfahren schon ohnedies sehr viel Diskriminierung.

Freundliche Grüße

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Antwort von BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Sehr geehrte Frau T.,

vielen Dank für Ihre Zuschrift und für das nachdrücklich vorgetragene Anliegen. Ihre Beobachtungen zu sozialer Ungleichheit, Schulabsentismus und gesellschaftlichen Folgekosten teile ich ausdrücklich. Ich antworte Ihnen gerne strukturiert.

Der Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses, die Vergütung ambulanter psychotherapeutischer Leistungen zum 1. April 2026 um 4,5 Prozent abzusenken, ist aus meiner Sicht das falsche Signal vor dem Hintergrund einer bereits angespannten Versorgungslage. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten leisten einen zentralen Beitrag zur gesundheitlichen Versorgung und zur Stabilität unserer Gesellschaft. Gleichzeitig steigt der Bedarf an Unterstützung kontinuierlich, während viele Patientinnen und Patienten bereits heute monatelang auf einen Therapieplatz warten. Das Demo-Plakat, das Sie zitieren, "Kann man machen, ist halt dumm", bringt diese Lage politisch zutreffend auf den Punkt.

Sie beschreiben einen entscheidenden Punkt: Psychische Erkrankungen treffen sozial benachteiligte Menschen häufiger und härter. Besonders besorgniserregend ist die Lage im Bereich der Kinder- und Jugendlichenversorgung. Wenn Praxen wirtschaftlich unter Druck geraten, entstehen Fehlanreize zulasten gesetzlich Versicherter, Wartezeiten verlängern sich, Therapieplätze werden knapper. Genau hier öffnet sich die soziale Schere weiter, denn wer privat zahlen oder lange suchen kann, kommt zur Behandlung, wer das nicht kann, bleibt zurück. Gerade bei psychischen Erkrankungen ist eine frühzeitige und kontinuierliche Behandlung jedoch entscheidend, um Chronifizierungen zu vermeiden und soziale Teilhabe, Bildungs- und Erwerbsbiografien zu sichern.

Ihre Argumentation teile ich vollständig. Auch volkswirtschaftlich ist die Kürzung nicht sinnvoll. Wenn Kinder aus ihren Schulkarrieren herausfallen, entstehen Folgekosten in Form von Schulersatzmaßnahmen, spezialisierten Ausbildungsprogrammen und im ungünstigen Fall auch in Polizei- und Justizvollzugssystemen. Diese gesellschaftlichen Folgekosten übersteigen jede kurzfristige Einsparung im Honorarbereich um ein Vielfaches. Eine starke ambulante Versorgung wirkt dem entgegen und ist damit nicht nur gesundheitspolitisch, sondern auch ökonomisch geboten.

Sie weisen zu Recht darauf hin, dass psychisch erkrankte Menschen ohnehin viel Stigmatisierung und Diskriminierung erfahren. Die Politik darf diese Diskriminierung nicht durch Sparmaßnahmen verstärken, die genau diejenigen treffen, die ohnehin schon am wenigsten Zugang zur Versorgung haben.

Als Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen haben wir einen Antrag zur strukturellen Stärkung der psychotherapeutischen Versorgung in den Bundestag eingebracht (Drucksache 21/4954, https://dserver.bundestag.de/btd/21/049/2104954.pdf). Ziel ist es, die ambulanten und gemeindenahen Strukturen auszubauen, die Bedarfsplanung weiterzuentwickeln, insbesondere die Versorgung von Kindern und Jugendlichen zu stärken, den Zugang zu niedrigschwelligen Hilfen zu verbessern und präventive Ansätze stärker zu verankern. Ich werde mich gegenüber der Bundesregierung und gegenüber Frau Bundesministerin Warken weiterhin nachdrücklich dafür einsetzen, dass psychische Gesundheit die Priorität erhält, die sie braucht, und dass politische Entscheidungen die Versorgung stärken statt schwächen. Auch eine aufsichtsrechtliche Überprüfung des Beschlusses zur Honorarabsenkung halte ich für angezeigt.

Vielen Dank für Ihr Engagement und für die klaren Worte.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Janosch Dahmen MdB

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