DIE LINKE

Frage an Jan Korte von Naarterg Xvcxr bezüglich Kinder und Jugend

29. August 2019 - 10:56

Wie in den Medien berichtet wird es ab 2010 frei Bahnfahrt für Soldaten geben. Aus gegebenem Anlaß möchte ich anregen über nachfolgendes nachzudenken

Unsere Tochter ist Konditor-Lehrling und kauft sich Zeitkarten als Schüler für die Deutsche Bahn. Ihre Ticket für über 30km kostet ca. 34€ die Woche oder 120€ im Monat. Zur Zeit ist sie erkrankt und kann die Fahrkarte nicht nutzen. Eine Rückgabe gem. Fahrgastbedingungen ist nicht möglich.

Das tut schon weh solche Kosten tragen zu müssen. Sie arbeitet in Schichten und verdient 550€ Brutto im Monat. Nebenbei macht Sie eine Fahrschule, da Sie im dritten Lehrjahr ist und mit dem ÖPNV nicht rankommt. Das bezahlen natürlich wir als Eltern. Auch den dazugehörigen PKW und die Versicherung, die überdimensonial hoch sind für Fahranfänger, die es aber für Ausbildung brauchen.

Irgendwie passen die Kosten, die ein junger Mensch in Ausbidlung hat nicht mit seinem Verdienst überein. Fahrkosten, Autoversicherung…vielleicht eine eigene Wohnung!

Warum dürfen Schüler und Auszubildende nicht auch kostenlos mit der Bahn fahren. Allein nur die Absenkung der Mehrwertsteuer auf Bahnticket zu diskutieren ist für mich nicht zielführend.

Wie denken Sie darüber was machbar ist und was können Sie tun?

Frage von Naarterg Xvcxr
Antwort von Jan Korte
09. September 2019 - 10:37
Zeit bis zur Antwort: 1 Woche 3 Tage

Sehr geehrte Frau Xvcxr,

vielen Dank für Ihre Fragen und die Informationen zur Situation Ihrer Tochter.
Ich teile Ihre Auffassung voll und ganz, dass Auszubildende deutlich zu wenig Vergütung erhalten, um nicht nur einigermaßen über die Runden zu kommen, sondern sich tatsächlich ein Leben unabhängig von ihren Eltern finanzieren zu können.
Und allein eine Absenkung der Mehrwertsteuer auf Bahntickets zu diskutieren, ist selbstverständlich keine Lösung, sondern eher eine Frechheit. Denn es ist ein Gebot des Anstands, Auszubildenden faire Löhne zu zahlen und gute Arbeits- und Lebensbedingungen zu bieten.
Dass nächstes Jahr eine Mindestausbildungsvergütung eingeführt werden soll, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Mit 515 Euro ist diese allerdings viel zu knapp bemessen, was ja die 550 Euro Ihrer Tochter zeigen.
Die DGB-Jugend fordert deshalb -völlig zu Recht- eine Mindestausbildungsvergütung in Höhe von 80 Prozent der durchschnittlichen tariflichen Ausbildungsvergütung einzuführen.
Aber auch damit wären sicher nicht alle Probleme gelöst. Solange z.B. das Monatsticket Ihrer Tochter fast ein Fünftel ihres Einkommens auffrisst, läuft etwas gewaltig schief.

Dass der Vorstoß der Bundesregierung, allen Bundeswehrangehörigen in Uniform Freifahrten in der Bahn zu ermöglichen, in erster Linie das Ziel verfolgt, die unbeliebte Bundeswehr attraktiver zu machen und die Gesellschaft ein wenig mehr zu militarisieren, zeigt sich auch daran, dass die Koalition gar nicht daran gedacht hatte, gleichzeitig auch allen Menschen, die gesellschaftlich notwendige Tätigkeiten ausüben, Freifahrten zu bewilligen.
Warum sollen denn ausgerechnet Bundeswehrangehörige umsonst fahren können und Freiwilligendienst-Leistende, Feuerwehrleute, Mitarbeitende des Technischen Hilfswerks, der Bergwacht, der Wasserrettungsdienste, Pflegekräfte, Hebammen/Geburtshelfer, Rettungskräfte sowie Erzieherinnen und Erzieher weiterhin zur Kasse gebeten werden?

Als einzige Partei fordert DIE LINKE den öffentlichen Nahverkehr kostenlos zu machen.
Wir haben dafür ein mehrstufiges Konzept vorgelegt, das vorsieht zuerst allen Schülern, Rentnern, Auszubildenden und Hartz-4-Empfängern bis zum 1. Januar 2022 bundesweit die Benutzung des ÖPNV zum Nulltarif zu erlauben.
Im zweiten Schritt sollen ab 2025 dann alle ÖPNV-Tickets wegfallen - der deutsche Nahverkehr wäre damit eine Gratisleistung des Staates. Die dafür nötigen zwölf Milliarden Euro pro Jahr soll der Bund bereitstellen, insgesamt würden die Forderungen jährlich 18 Milliarden Euro pro Jahr kosten.
Darin enthalten sind bis zu sechs Milliarden Euro für den Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und die Anschaffung neuer Fahrzeuge.
Ausgleichen sollen diese Ausgaben zusätzliche Einnahmen: Der Wegfall der Steuervorteile für Dieselkraftstoff soll jährlich für zusätzliche Steuereinnahmen von acht Milliarden Euro sorgen.
Außerdem soll eine fünfjährige Sonderabgabe der Autoindustrie als zweckgebundene Abgabe zur Verbesserung der Luftqualität eingeführt werden und vier Milliarden Euro einbringen. Aus laufenden Haushaltsüberschüssen sollen weitere vier Milliarden Euro in den Nahverkehr fließen.
Wie das umgesetzt werden kann zeigt das rot-rot-grün regierte Berlin: Dort fahren auf Initiative meiner Partei Schüler seit August kostenlos und Auszubildende in Berlin und Brandenburg können für 365 Euro pro Jahr alle öffentlichen Verkehrsmittel im Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg nutzen.

Das allein reicht selbstverständlich auch nicht, sondern wir brauchen weitere Verbesserungen, die die Nutzung des ÖPNV attraktiv machen.
So setzen wir uns für einen weiteren Ausbau des Angebots und die Verdichtung des Taktes vor allem auch in den ländlichen Regionen ein.

Das Konzept meiner Partei finden Sie hier:
https://www.die-linke.de/themen/oepnv/konzept-fuer-kostenfreien-oepnv/
Bereits im März 2018 hat meine Fraktion außerdem einen entsprechenden Antrag „Nulltarif im öffentlichen Nahverkehr schrittweise einführen“ (19/1359) in den Bundestag eingebracht.
Ich hoffe damit Ihre Fragen einigermaßen beantwortet zu haben und wünsche Ihnen und Ihrer Tochter alles Gute.

Ihr Jan Korte