Stimmen Sie der automatischen Kopplung des Rentenalters zu Ja oder Nein
Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für Ihre Frage. Bevor ich inhaltlich antworte, ist mir ein formaler Hinweis wichtig: Die Gesetzgebung zur gesetzlichen Rentenversicherung liegt ausschließlich beim Deutschen Bundestag in Berlin. Als Landtagsabgeordneter habe ich hierüber keine direkte Entscheidungsgewalt. Dennoch habe ich als Politiker eine klare Haltung zu diesem Thema.
Zur Wahrheit gehört für mich an erster Stelle: Eine Verlängerung der Lebensarbeitszeit wird grundsätzlich notwendig sein. Der demografische Wandel und die steigende Lebenserwartung lassen uns mathematisch kaum eine andere Wahl. Wenn wir wollen, dass unsere Rentenkassen auch für die jüngere Generation stabil, bezahlbar und verlässlich bleiben, müssen wir als Gesellschaft insgesamt länger arbeiten. Hier etwas anderes zu behaupten, wäre unredlich.
Aber – und das ist das entscheidende Aber: Auf Ihre Frage, ob ich für eine automatische Kopplung des Renteneintrittsalters bin, antworte ich mit einem klaren Nein zu einer starren Automatik.
Eine reine Rentenautomatik nach dem Rasenmäherprinzip geht an der Lebensrealität der Menschen vorbei. Eine starre Erhöhung des Rentenalters für alle würde für viele hart arbeitende Menschen – insbesondere in körperlich anstrengenden Berufen wie dem Handwerk, der Pflege, dem Bau oder der Schichtarbeit – zu einer unzumutbaren Härte führen. Wer nach jahrzehntelanger schwerer Arbeit mit Anfang 60 gesundheitlich an seine Grenzen stößt, kann schlichtweg nicht bis 69 oder 70 arbeiten. Ein solches System würde diejenigen bestrafen, die unser Land durch ihre körperliche Arbeit tragen. Das ist eine Frage der sozialen Fairness und des Respekts vor der Lebensleistung.
Weil die Verlängerung der Arbeitszeit im Grundsatz kommen muss, braucht es auf Bundesebene dringend einen differenzierten und gerechten Weg statt einer kalten Automatik.
Wer jahrzehntelang körperlich schwer gearbeitet hat, muss spürbar privilegiert werden und die Möglichkeit haben, früher und vor allem abschlagsfrei in den Ruhestand zu gehen.
Das Renteneintrittsalter muss sich flexibel an den tatsächlichen Beitragsjahren und der spezifischen Belastung des Berufes orientieren, statt alle über einen Kamm zu scheren.
Ja, wir müssen unser Rentensystem zukunftsfest machen und länger arbeiten – aber mit Herz, Verstand und einem genauen Blick darauf, wer welche Arbeit leistet. Die Einführung einer einfachen Automatik als Lösung des Problems wäre aus meiner Sicht zu kurz gegriffen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
Holger Gasse MdL

