Was ist Ihre Vision für die deutsch-russischen Beziehungen in 10 oder 20 Jahren, und wie soll aus der heutigen Konfrontation wieder ein friedliches und konstruktives Verhältnis entstehen?
Sehr geehrter Herr Dr. Bartsch,in der deutschen und europäischen Politik wird sehr ausführlich darüber gesprochen, wie Russland militärisch, wirtschaftlich und politisch begegnet werden soll. Deutlich seltener höre ich eine konkrete Antwort darauf, wie die Beziehungen langfristig aussehen sollen.Russland wird auch in 10, 20 oder 30 Jahren ein Teil Europas und ein unmittelbarer Nachbar der EU sein. Eine dauerhafte Konfrontation kann daher kaum eine langfristige politische Perspektive sein.Unter welchen konkreten Voraussetzungen sollte Deutschland wieder diplomatische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Beziehungen zu Russland aufbauen? Welche Initiative sollte Deutschland selbst ergreifen, um langfristig von Konfrontation zu einem friedlichen Zusammenleben zu gelangen?Mich interessiert ausdrücklich nicht die Bewertung der aktuellen russischen Regierung, sondern die langfristige politische Perspektive Deutschlands gegenüber Russland als Land und seiner Bevölkerung.
Sehr geehrte Frau M.,
als jemand, der in Moskau promoviert und dort viele großartige Menschen kennengelernt hat, nicht zuletzt Ukrainerinnen und Ukrainer, schmerzt mich die aktuelle Situation sehr.
Sie haben recht: Die langfristige Perspektive der Beziehungen bleibt in den Diskussionen vielfach unbeachtet, obwohl eines selbstverständlich ist: Russland ist und bleibt unser geografischer Nachbar. Wir müssen jedoch klar benennen, dass Putin den Angriff auf die Ukraine entschieden hat und dass die russische Führung unter seiner Leitung seit nunmehr viereinhalb Jahren Tod, Leid und Zerstörung über die Ukraine bringt.
Putin hat mit seinem Krieg die deutsch-russischen und die russisch-europäischen Beziehungen an den Abgrund geführt. Es liegt vor allem auch in russischer Hand, diesen Krieg zu beenden und damit eine Perspektive für die deutsch-russischen Beziehungen zu ermöglichen. Ein Ende des Krieges ist dafür die Voraussetzung.
Selbstverständlich sollten Deutschland und die EU immer wieder die Gelegenheit ergreifen, diplomatischen Gesprächen die Tür zu öffnen. Richtig fand ich es daher, trotz aller damit verbundenen Schwierigkeiten, dass sich der Bundesaußenminister kürzlich in New York mit seinem russischen Amtskollegen ausgetauscht hat. Daran sollte angeknüpft werden, auch wenn es in den letzten Jahren kaum Signale aus dem Kreml gab, die darauf hindeuteten, dass solche Gespräche Aussicht auf Erfolg haben würden.
Eine langfristige kulturelle und wirtschaftliche Beziehung kann es nur unter der Voraussetzung geben, dass Russland all seine Provokationen und Aggressionen gegenüber Deutschland und allen seinen Nachbarn einstellt.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Dietmar Bartsch

