Wie verhalten Sie sich zum Lieferkettengesetz und warum denken Sie, dass das gut für alle Menschen ist?
Sehr geehrte Frau dos Santos-Wintz,
im Rahmen meines Studiums erkenne ich immer mehr die Verantwortung, die wir hier im globalen Norden gegenüber dem globalen Süden haben. Wir haben einfach Glück, dass es nicht unsere Kinder sind, die in Kohleminen, Plantagen uam. arbeiten müssen. Was denken Sie dazu? Was können wir - Sie, ich und alle hier in Deutschland - tun, damit es gerecht wird?
Freundliche Grüße aus der Eifel
Sehr geehrte Frau N.,
Vielen herzlichen Dank für Ihre Frage.
Der Schutz von Menschenrechten, das Vorgehen gegen Kinderarbeit, Zwangsarbeit und Ausbeutung sowie die Einhaltung grundlegender Umweltstandards sind universelle Ziele. Die Lieferkettenregulierung ist daher ein nachvollziehbarer Versuch, die Verantwortung großer Unternehmen für ihre Lieferketten sichtbar und verbindlich zu machen.
Die praktischen Wirkungen sind allerdings umstritten. Gerade für Unternehmen mit komplexen internationalen Lieferketten ist ein erheblicher zusätzlicher Dokumentations-, Prüf- und Verwaltungsaufwand entstanden, ohne dass die Wirkung empirisch seriös nachgewiesen werden kann.
Das betrifft nicht nur große Unternehmen, die unmittelbar unter das Gesetz fallen, sondern häufig auch kleine und mittlere Zulieferer, die durch Fragebögen, Nachweise und Auskunftspflichten indirekt belastet werden. Die DIHK-Erhebung „Going International 2026“ zeigt, dass 83 Prozent der befragten auslandsaktiven Unternehmen hausgemachte Hürden aus Deutschland und der EU als Belastung für ihr Auslandsgeschäft sehen. Von den Unternehmen, die solche hausgemachten Hürden wahrnehmen, nennen 49 Prozent Gesetze zu Sorgfalts- und Berichtspflichten in Lieferketten als Belastung; ausdrücklich genannt werden dabei CSRD, CSDDD und das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz.
Standards dürfen nicht auf dem Papier gut aussehen, aber in der Praxis Rechtsunsicherheit, zusätzliche Kosten und Standortnachteile schaffen. Wirtschaftlich schädlich und auch für die Menschenrechtslage bedenklich wäre insbesondere, wenn europäische Unternehmen sich aus Risiko-Märkten zurückziehen, statt dort durch Handel, Partnerschaften und klare Mindeststandards positive Wirkungen zu entfalten.
Die europäische Lieferkettenrichtlinie wird dennoch in deutsches Recht umzusetzen sein. Dabei kommt es darauf an, dass Deutschland keine zusätzlichen nationalen Sonderlasten schafft. Die Umsetzung muss bürokratiearm, vollzugsfreundlich und europäisch anschlussfähig erfolgen.
Wir stehen zu hohen Menschenrechtsstandards und wollen sie schützen, indem wir regulatorisch konsequent, aber auch wirtschaftlich stark sind, sodass unsere Standards sich weltweit verfestigen.
Es ist gut, wenn Sie sich im Rahmen Ihres Studiums kritisch mit unserer Verantwortung für den globalen Handel befassen. Dieser globale Handel hat aber den Lebensstandard der Menschen weltweit gehoben und die Versorgungslage drastisch verbessert. Sowohl die Lebenserwartung, als auch Zugang zu Medizin, sanitären Anlagen und Bildung haben sich durch die Globalisierung gesteigert. Wir dürfen diese glasklar empirisch nachgewiesene Tatsache nicht vergessen, während wir das Bewusstsein für unsere Verantwortung gegenüber dem sogenannten globalen Süden schärfen.
Freundliche Grüße
Catarina dos Santos-Wintz

