Wolfgang Wetzel
DIE GRÜNEN
Profil öffnen

Frage von Fgrssv Xhua an Wolfgang Wetzel bezüglich Soziales

# Soziales 13. Aug. 2019 - 22:22

Sehr geehrter Herr Wetzel,

am 09.08.2019 habe ich in der Freien Presse gelesen das Sie wissen wie es im Sozialismus war.

Da mich dieses Thema interrisert hätte ich folgende Fragen an Sie. Gab es: Lehrermangel? Ärztemangel? Obdachlose? Arbeitslose? Altersarmut?

Vielen Dank im Voraus für Ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen
Kuhn

Von: Fgrssv Xhua

Antwort von Wolfgang Wetzel (GRÜNE) 14. Aug. 2019 - 10:28
Dauer bis zur Antwort: 12 Stunden 6 Minuten

Sehr geehrte Frau Xhua,

Soweit ich mich erinnere, gab es in der DDR keinen Lehrermangel. Dass es diesen heute gibt, hat unterschiedliche Ursachen. Zum einen fehlt der berufliche Nachwuchs aus demographischen Gründen, wie bei vielen anderen Berufen auch. Der Lehrermangel in Sachsen ist außerdem Folge einer verfehlten CDU-Bildungsplanung, die über viele Jahre jungen Pädagog*innen vermittelte, dass sie in Sachsen keine Chance auf Anstellung haben. Die Opposition im Dresdner Landtag hat immer eindringlich vor den Folgen gewarnt, die wir jetzt beklagen.

Zum Ärztemangel: Aus meinen Ausbildung- und Berufsjahren als Krankenpfleger (seit 1984) erinnere ich mich gut an den Zustand des DDR-Gesundheitswesens. Der Zugang zum neuesten Stand von Medizintechnik und Pharmazie hing dem Westen weit hinterher. Aber Ärztemangel gab es nicht. Junge Mediziner hatten in der DDR jedoch nur eingeschränkte Freiheit bei der Wahl ihres Arbeitsplatzes, sie wurden dorthin „delegiert“, wo eine Stelle zu besetzen war. In einer freiheitlichen Gesellschaft geht das Gott sei Dank nicht, dass man an einen konkreten Arbeitsplatz gezwungen wird, das gilt für alle Berufe. Hinsichtlich des Ärztemangels bin ich jedoch für stärkeren staatlichen Einfluss bei der Sicherstellung der ärztlichen Versorgung. Die sächsischen Stipendien für Medizinstudent*innen z.B., die mit der Pflicht zur anschließenden Tätigkeit als Landarzt verbunden sind, gehen in die richtige Richtung.

Obdachlose: Auch in der DDR gab es Menschen, die heutzutage wohnungslos oder von Wohnungslosigkeit bedroht wären. Ich weiß das, weil ich damals ehrenamtlich in der kirchlichen Suchtkrankenhilfe tätig war. Alkoholkranke Haftentlassene wurden in der DDR vom Rat der Stadt oftmals in Wohnungen untergebracht, die man heute für unbewohnbar halten und abreißen würde, es gibt solche Ruinen kaum noch. - Dass es heute im Raum Zwickau Wohnungslose gibt, hat weniger mit fehlendem Wohnraum zu tun, sondern vor allem mit psychosozialen Problemen der Betroffenen. Sie haben meistens in mehreren Mietverhältnissen Mietschulden gemacht oder sich so verhalten, dass die anderen Mieter auf die Barrikaden gegangen sind. Deshalb will die kein Vermieter mehr als Mieter haben. Da sind langfristige psychosoziale Hilfen erforderlich - die Wohnungsnotfallhilfe der Zwickauer Diakonie macht das sehr professionell und erfolgreich.

Arbeitslosigkeit: Ja, es gab in der DDR eine verdeckte Arbeitslosigkeit. Der Beruf meiner Schwiegermutter bestand z.B. darin, jeden Morgen in einer Brauerei nachzuzählen, wieviel Kronkorken und Flaschenetiketten noch vorrätig sind und diese Zahlen dann telefonisch nach Berlin zu melden. Verständlicherweise fiel dieser Job unter Wettbewerbsbedingungen Anfang 1990 sofort weg. Die DDR-Planwirtschaft führte zu einem wirtschaftlichen Niedergang; 1989 stand die DDR kurz vor dem Staatsbankrott.

Altersarmut: Selbstverständlich gab es Altersarmut in der DDR, man hat das damals aber nicht so bezeichnet. Die Renten waren teilweise erbärmlich niedrig. Ich erinnere mich an die Lebensverhältnisse vieler alter Menschen, bei denen ich als Kind und Jugendlicher Kohlen aus dem Keller nach oben getragen habe. Das waren mitunter Wohnverhältnisse, die heute auch für Arme völlig undenkbar wären. Die Altbausubstanz war in der DDR ja weitestgehend vergammelt und heruntergewirtschaftet.

Ich hoffe, dass ich Ihnen meine Äußerung in der „Freien Presse“ hiermit ein wenig näher erläutern konnte.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Wetzel