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Frage von Karsten J. •

Frage an Ulla Jelpke von Karsten J. bezüglich Recht

Sehr geehrte Frau Jelpke,

den Medien konnte ich entnehmen, dass Sie das avisierte Zentrum gegen Vertreibungen als „Teil einer Strategie des Bundes der Vertriebenen, sich auch für die nächsten Jahrzehnte eine Existenzberechtigung zu sichern — und seinen Funktionären ein erträgliches Einkommen”. Frau Steinbach sei lediglich eine „Bekenntnisvertriebene“ und stehe für eine Generation, „die die Umsiedlung der Deutschen aus Osteuropa gar nicht mehr aus eigener Anschauung kennt“.

Mich verwundern diese Aussagen. Man wird davon ausgehen können, dass (andere) Opfer des Nationalsozialismus mittlerweile dasselbe Alter erreicht bzw. dieselbe Zusammensetzung ihrer Verbandsstruktur haben wie der BdV. Ist es nicht eine ungerechtfertigte Ungleichbehandlung gegen den Vertriebenen, diesen vorzuhalten, sie hätten die Vertreibung gar nicht mehr erlebt, während anderen Opfergruppen diese Situation nicht vorgehalten bzw. nachteilig ausgelegt wird? Wäre es nicht undenkbar (und fraglos auch unangemessen) etwa der jüdischen Gemeinde in Deutschlandd deratige Vorhaltungen zu machen? Warum dann aber gegenüber den Heimatvertriebenen?

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DIE LINKE

Sehr geehrter Herr Junk,

ich denke, eine Gleichbehandlung dieser beiden Opfergruppen kann und darf es überhaupt nicht geben. Sie müssen ungleich behandelt werden, weil ihr Schicksal ein vollkommen verschiedenes ist. Die europäischen Jüdinnen und Juden waren Ziel eines antisemitischen Vernichtungswillens, ihr Massenmord wurde systematisch geplant und vorangetrieben. Die Bevölkerung Osteuropas insgesamt war Opfer einer wahnsinnigen "Rassepolitik", deren Ziele unter anderem waren, 50 Millionen Menschen zu ermorden oder zu vertreiben, um "Raum im Osten" zu schaffen. Dies war eines der Kriegsziele der Nationalsozialisten.
Die Opfer dieser Politik mussten in der Bundesrepublik Jahrzehnte auf ihre Anerkennung warten. Es hat bis in die 60er Jahre gedauert, bis erste Zeithistoriker mit der Aufarbeitung dieser Geschichte begonnen haben. Es dauert bis heute, dass einzelne Unternehmen, Verbände, Ministerien etc. ihre eigene Geschichte im Dritten Reich aufarbeiten. Der "Bund der Vertriebenen" ist übrigens bis heute nicht darunter; erst im vergangenen Jahr hat die Vorsitzende Erika Steinbach sich erdreistet, von der Bundesregierung Geld dafür zu verlangen, diese Aufarbeitung der eigenen Geschichte nun endlich in Angriff zu nehmen. Dabei gibt es nun wirklich genug Material das belegt, wie tief die Gründergeneration der Landsmannschaften und Vertriebenenverbände in den Nationalsozialismus verstrickt war, von Enteignungen, Zwangsarbeit etc. profitiert haben. Deshalb ist dieser Verband wirklich die falsche Adresse, wenn es um ein auf europäische Versöhnung gerichtetes Gedenken gehen soll.

Mit freundlichen Grüßen,

Ulla Jelpke