Die Finanzkommission Gesundheit hat sich dagegen ausgesprochen, die Zahl der Krankenkassen durch Gesetz zu reduzieren, weil sie Einspareffekte für zweifelhaft hält. Wie stehen Sie dazu?
Ich halte eine weitere Reduzierung der Zahl der Krankenkassen grundsätzlich für richtig, wenn sie durch sinnvolle Fusionen, gemeinsame IT, weniger Doppelarbeit und schlankere Verwaltungsstrukturen entsteht. Die Beiträge der Versicherten müssen in erster Linie für Versorgung eingesetzt werden, nicht für unnötige Parallelstrukturen, überflüssige Werbung oder vermeidbare Bürokratie.
Gleichzeitig teile ich die Einschätzung der Finanzkommission, dass eine gesetzlich erzwungene Reduzierung der Krankenkassen keine einfache Lösung für die Finanzprobleme der gesetzlichen Krankenversicherung wäre. Die 20 größten Krankenkassen versichern bereits 84 Prozent aller GKV-Mitglieder. Außerdem zeigt sich nach Einschätzung der Kommission kein eindeutiger Zusammenhang zwischen der Größe einer Krankenkasse und ihren Verwaltungsausgaben je Versicherten. Es gibt kleinere und größere Krankenkassen mit jeweils niedrigen oder hohen Verwaltungskosten. Auch der Blick nach Österreich, wo mehrere Gebietskrankenkassen zu einer Gesundheitskasse zusammengelegt wurden, hat nach den von der Kommission herangezogenen Analysen keine klaren Kostenvorteile gezeigt.
Der wichtigste Punkt ist aber die Größenordnung. Im Jahr 2024 lagen die Nettoverwaltungskosten der gesetzlichen Krankenkassen bei rund 12,6 Milliarden Euro. Das ist viel Geld und muss selbstverständlich kritisch betrachtet werden. Die Leistungsausgaben lagen im selben Jahr aber bei rund 312,3 Milliarden Euro. Verwaltung machte damit 3,86 Prozent der Gesamtausgaben aus. Rund 96 Prozent der Mittel fließen also nicht in Verwaltung, sondern in gesundheitliche Versorgung. Allein Krankenhausbehandlung, Arzneimittelversorgung und vertragsärztliche Versorgung machten zusammen rund zwei Drittel der Leistungsausgaben aus.
Das zeigt: Selbst wenn man bei den Verwaltungskosten spürbar spart, löst das nicht das eigentliche Finanzproblem der GKV. Wenn von einem Euro etwa vier Cent in Verwaltung gehen, kann man aus diesen vier Cent keine Beitragssatzstabilisierung im großen Stil finanzieren. Natürlich muss auch bei diesen vier Cent auf Wirtschaftlichkeit geachtet werden. Aber die großen Ausgaben entstehen in der medizinischen Versorgung selbst, also in Krankenhäusern, Praxen, Arzneimitteln, Heilmitteln, Hilfsmitteln, Rettungsdiensten und weiteren Leistungsbereichen.
Die Entwicklung des Jahres 2025 bestätigt dieses Bild. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums standen Einnahmen von 355,9 Milliarden Euro Ausgaben von 352,4 Milliarden Euro gegenüber. Die Leistungsausgaben stiegen um 24,6 Milliarden Euro, die Verwaltungskosten um 602 Millionen Euro. Allein die Krankenhausausgaben stiegen um 9,7 Milliarden Euro. Auch Arzneimittel und ambulant-ärztliche Behandlungen legten deutlich zu.
Ja, Krankenkassen müssen effizienter werden. Ja, unnötige Doppelstrukturen gehören abgebaut. Ja, Fusionen können sinnvoll sein, wenn sie tatsächlich Verwaltung vereinfachen und nicht nur neue Großstrukturen schaffen. Aber wer behauptet, man könne die Beitragsprobleme der GKV im Wesentlichen durch weniger Krankenkassen lösen, weckt falsche Erwartungen.
Die Finanzkommission hat deshalb zu Recht nicht auf eine Einheitskasse oder eine pauschale gesetzliche Verringerung der Kassenzahl gesetzt. Sinnvoller sind gezielte Maßnahmen: weniger Werbeausgaben, bessere digitale Prozesse, einheitlichere IT, klare Wirtschaftlichkeitsvorgaben und eine konsequente Prüfung, wo Verwaltung tatsächlich vereinfacht werden kann. Gleichzeitig müssen wir an die großen Ausgabenblöcke heran, ohne die Versorgung der Patientinnen und Patienten zu verschlechtern.
Maßgeblich ist weniger Bürokratie, mehr Effizienz und mehr Transparenz bei den Krankenkassen, aber keine Scheindebatte. Die Bürgerinnen und Bürger haben Anspruch auf Ehrlichkeit. Die eigentlichen finanziellen Herausforderungen der gesetzlichen Krankenversicherung liegen nicht in erster Linie in der Zahl der Krankenkassen, sondern in der starken Ausgabendynamik des gesamten Gesundheitssystems.

