Hat Kassenärztliche Psychotherapie Zukunft in Deutschland?
Hallo Frau Mirow,
erstmal Entschuldigung für die Emotionalität.
Ich habe mir soeben mit meinem Masterstudiengang eine Bewilligung zur Approbationsausbildung nach dem alten Recht erarbeitet. Ich habe mir dazu viele Gedanken gemacht, alle Verträge sind schon unterschrieben. Jetzt gibt es Honorarkürzungen. Wie kann das sein? Ich arbeite ehrenamtlich täglich mit suizidalen Jugendlichen zusammen. Jeden Tag Kinder, die aktuell keinen Sinn mehr in ihrem Leben sehen. Wollen Sie Psychotherapeuten in Deutschland? Falls nicht, suche ich mir einen anderen Job, bloß was? Ich arbeite aktuell noch in der Chemieindustrie, aber die Abwanderung nach China & Indien ist momentan sehr stark zu sehen.
Alle Berufe die ich gerne machen werden in Deutschland nicht mehr gerne gesehen & finanziert. Wie stellen Sie sich das vor?
Ich bin ratlos.
Helfen Sie bitte!!!!!! Wir brauchen Sie nicht irgendwann, sondern jetzt, heute und sofort.
Ihre Stimme ist unsere Zukunft.
Liebe Grüße
Melissa
Hallo M. L.,
vielen Dank für die Frage. Aktuell erreichen mich und meine Kolleg*innen viele ähnliche Schreiben. Mit der Frage über Abgeordnetenwatch gibt es die Möglichkeit öffentlich darauf zu antworten.
Der Bedarf an Psychotherapie ist in den letzten Jahren in Deutschland gestiegen – verständlich vor dem Hintergrund von diversen Krisen, Kriegen aber auch immer stärkerer Belastungen in der Arbeitswelt oder im Bildungsweg. Die gesetzlichen Krankenkassen sparen nun auf dem Rücken von Menschen, die psychotherapeutische Hilfe benötigen. Laut OECD hat sich der Anteil an Menschen in Deutschland mit unbehandelten psychischen Problemen seit 2021 von vier auf zehn Prozent mehr als verdoppelt.
Die Absenkung der Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5% ab April 2026 bedeutet eine kritische Verschlechterung der Versorgung der Patient*innen. Dadurch werden Anreize für Psychotherapeut*innen geschaffen, in Zukunft ihre freien Termine noch stärker an Privatversicherte oder Selbstzahler*innen zu geben. Diese Schritte hin zu mehr Zwei-Klassen-Medizin sind schlecht für alle, die es sich nicht leisten können, Therapiestunden einfach aus eigener Tasche zu bezahlen. Bereits jetzt warten Menschen in Zeiten, in denen es ihnen psychisch schlecht geht, monatelang auf einen ambulanten Therapieplatz – sofern sie überhaupt einen finden.
Allgemein sollte überdacht werden, wie die ohnehin schwierige Versorgungssituation durch strukturelle Maßnahmen verbessert werden kann. Honorarabsenkungen sind hierbei definitiv ein Schritt in die verkehrte Richtung.
Die Linke fordert eine flächendeckende, bedarfsgerechte Versorgung mit Kassensitzen und eine gesonderte Bedarfsplanung für Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen sowie die Finanzierung der Weiterbildung von Psychotherapeut*innen. All das mit dem Ziel, das diejenigen die Termine bekommen, die sie am dringendsten brauchen, unabhängig von ihrem Versicherungsstatus.
Beste Grüße
Sahra Mirow

