Wie bewerten Sie die geplante Honorarkürzung um 4,5 % für psychotherapeutische Leistungen angesichts der bereits jetzt unzureichenden Versorgung und langen Wartezeiten für Patientinnen und Patienten?
Sehr geehrte Frau Mirow,
ich befinde mich derzeit in der Ausbildung zum Psychotherapeuten. Der Weg dorthin ist mit einer kostenintensiven Ausbildung (+25.000€) verbunden, die mich über Jahre hinweg finanziell stark belastet hat. Dennoch habe ich mich aus idealistischen Gründen für diesen Beruf entschieden, um zur Versorgung psychisch erkrankter Menschen beizutragen.
Mit großer Sorge betrachte ich daher die geplante Honorarkürzung um 4,5 % für psychotherapeutische Leistungen. Bereits heute verdienen Psychotherapeut:innen im Vergleich zu vielen anderen Fachärzt:innen deutlich weniger. Gleichzeitig besteht eine große Versorgungslücke mit langen Wartezeiten für Patient:innen.
Die Kürzung sendet aus meiner Sicht ein problematisches Signal. Sie führt dazu, dass Therapeut:innen aus wirtschaftlichen Gründen stärker auf Privatpatient:innen angewiesen sind, statt zur Versorgung gesetzlich Versicherter beizutragen. Ich bitte Sie daher, sich politisch gegen diese Honorarkürzung einzusetzen.
Sehr geehrter Herr B.,
vielen Dank für Ihre Frage. Aktuell erreichen mich und meine Kolleg*innen viele ähnliche Schreiben. Mit der Frage über Abgeordnetenwatch geben Sie mir die Möglichkeit öffentlich darauf zu antworten.
Der Bedarf an Psychotherapie ist in den letzten Jahren in Deutschland gestiegen – verständlich vor dem Hintergrund von diversen Krisen, Kriegen aber auch immer stärkerer Belastungen in der Arbeitswelt oder im Bildungsweg. Die gesetzlichen Krankenkassen sparen nun auf dem Rücken von Menschen, die psychotherapeutische Hilfe benötigen. Laut OECD hat sich der Anteil an Menschen in Deutschland mit unbehandelten psychischen Problemen seit 2021 von vier auf zehn Prozent mehr als verdoppelt.
Die Absenkung der Honorare für psychotherapeutische Leistungen um 4,5% ab April 2026 bedeutet eine kritische Verschlechterung der Versorgung der Patient*innen. Dadurch werden Anreize für Psychotherapeut*innen geschaffen, in Zukunft ihre freien Termine noch stärker an Privatversicherte oder Selbstzahler*innen zu geben. Diese Schritte hin zu mehr Zwei-Klassen-Medizin sind schlecht für alle, die es sich nicht leisten können, Therapiestunden einfach aus eigener Tasche zu bezahlen. Bereits jetzt warten Menschen in Zeiten, in denen es ihnen psychisch schlecht geht, monatelang auf einen ambulanten Therapieplatz – sofern sie überhaupt einen finden.
Allgemein sollte überdacht werden, wie die ohnehin schwierige Versorgungssituation durch strukturelle Maßnahmen verbessert werden kann. Honorarabsenkungen sind hierbei definitiv ein Schritt in die verkehrte Richtung.
Die Linke fordert eine flächendeckende, bedarfsgerechte Versorgung mit Kassensitzen und eine gesonderte Bedarfsplanung für Kinder- und Jugendpsychotherapeut*innen sowie die Finanzierung der Weiterbildung von Psychotherapeut*innen. All das mit dem Ziel, das diejenigen die Termine bekommen, die sie am dringendsten brauchen, unabhängig von ihrem Versicherungsstatus.
Beste Grüße
Sahra Mirow

