Portrait von Nadyne Saint-Cast
Nadyne Saint-Cast
BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN
100 %
28 / 28 Fragen beantwortet
Zum Profil
Frage von Laila G. •

Stellungnahme und Kurskorrektur Abwertung psychotherapeutischer Leistungen. Was halten sie davon?

Guten Tag,als Fachärztin für psychosomatische Medizin bin ich getroffen und irritiert über die beschlossene Abwertung psychotherapeutischer Leistungen. Es ist erwiesen,dass Psychotherapie sich volkswirtschaftlich auszahlt. Die angeschlagene Coronageneration, Krisen der Welt und lange Wartezeiten belegen den hohen Bedarf, der Renteneintritt älterer Psychotherapeuten und die missglückte Ausbildungsreform verengen das Nadelöhr zur Therapie. Das Einkommen der Therapeuten ist ohnehin Schlusslicht im Facharztvergleich. Die Abwertung ist eine persönliche Entwertung meiner Arbeit und Person und aller psychisch Kranken. Überlegungen mehr PKV statt GKV zu behandeln oder zurück in eine Anstellung zu gehen, sind die Folge, der Facharzt verliert an Attraktivität, die Versorgung wird sicher schlechter. Längere AUs und Krankenhausbehandlungen statt amb. Therapie führen die kurzfristige Kostenkalkulation ad absurdum. Was halten Sie davon? MFG Grünen Mitglied Laila G.

Portrait von Nadyne Saint-Cast
Antwort von BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Sehr geehrte Frau G.,

vielen Dank für Ihre Nachricht. 


Was das Thema Honorarkürzungen für Psychotherapeut*innen angeht teile ich Ihre Kritik- das ist gesundheitspolitisch ein verheerendes Signal. Demnach soll die Vergütung für psychotherapeutische Leistungen ab dem 01. April um 4,5 Prozent sinken. Gespart wird ausgerechnet dort, wo ein Großteil der Versorgung für vergleichsweise wenig Geld stattfindet, nämlich in der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung. Dabei steigt der Bedarf an psychotherapeutischer Versorgung stetig, Wartezeiten für viele Patient*innen sind bereits jetzt unzumutbar lang und Praxen stehen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Wenn dadurch Fehlanreize zu Ungunsten von GKV-Versicherten entstehen, kann das die psychotherapeutische Versorgungslage noch weiter verschärfen. Eine Gesellschaft, in der Menschen psychisch gesund sind und bei Bedarf frühzeitig Unterstützung erhalten, ist widerstandsfähiger gegenüber Krisen.

Ich muss Ihnen aber auch leider sagen, dass unsere landespolitischen Handlungsmöglichkeiten begrenzt sind. Denn Honorarvereinbarungen sind Teil der ärztlichen Selbstverwaltung und eine direkte politische Einflussnahme ist nicht möglich und in der Systematik der Selbstverwaltung nicht vorgesehen. 

Aus unserer Sicht sind nachhaltige Reformen und strukturelle Verbesserungen, statt pauschaler Kürzungen notwendig. Auf Bundesebene ist daher z.B. eine neue Bedarfsplanung aus unserer Sicht überfällig. 

Hier in Baden-Württemberg konnten wir als grün-geführte Landesregierung bereits in der letzten Legislaturperiode zumindest die stationäre Versorgung etwas verbessern. Somit haben wir die ursprünglich mit einer Befristung versehenen 136 voll- und teilstationären Plätze in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (sog. Corona-Sonderbedarfe) entfristet und dauerhaft in den Landeskrankenhausplan aufgenommen.  

Im ambulanten Bereich gestaltet sich das wegen der bereits erwähnten Selbstverwaltung leider etwas schwieriger. Dennoch konnten wir auch hier die Situation durch den Ausbau von Primärversorgungszentren und Medizinischen Versorgungszentren verbessern. Hier arbeiten Ärztinnen und Ärzte, Psychotherapeut*innen und andere Spezialist*innen in interdisziplinären Teams zusammen. Diesen Weg wollen wir weitergehen.

Mir ist bewusst, dass das aber noch nicht genug ist. Deswegen wollen wir in der kommenden Legislaturperiode folgende Punkte in Angriff nehmen:
- die psychotherapeutische Versorgung, insbesondere im ländlichen Raum, verbessern und dafür auch telemedizinische Angebote fördern,
- die Schnittstellen zur Beratung und Prävention stärken. Dazu gehören etwa die psychosoziale Beratung, Erstanlaufstellen sowie die Sucht- und Suizidprävention,
- auf Bundesebene dafür einsetzen, die Weiterbildungsfinanzierung für Psychotherapeut*innen rechtlich abzusichern,
- mehr Schulpsycholog*innen einzusetzen, 
- den Ausbau von Therapieplätzen für Kinder und Jugendliche voranbringen, 
- die psychosoziale Beratung stärken und 
- eine gemeindepsychiatrisch organisierten Not- und Krisenversorgung etablieren. 

Ich danke Ihnen für Ihr offenes Feedback und versichere Ihnen, dass wir gemeinsam mit allen Partner*innen alles daran setzen werden, die psychotherapeutische Versorgung zu sichern und weiter auszubauen, damit niemandem wegen finanzieller Kürzungen die dringend benötigte Hilfe vorenthalten wird. 

Mit freundlichen Grüßen

Nadyne Saint-Cast

Was möchten Sie wissen von:
Portrait von Nadyne Saint-Cast
Nadyne Saint-Cast
BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Weitere Fragen an Nadyne Saint-Cast