Welche konkreten Maßnahmen halten Sie für sinnvoll, damit Schülerinnen und Schüler die Chancen von KI nutzen können, ohne das grundlegende Kompetenzen darunter leiden?
Sehr geehrte Frau Kaminski,
laut dem ifo Bildungsbarometer 2025 nutzen bereits 82 % der Jugendlichen Künstliche Intelligenz für schulische Zwecke, und 66 % sprechen sich dafür aus, den Umgang mit KI im Unterricht zu behandeln.Wie sollte das deutsche Bildungssystem auf diese Entwicklung reagieren?
Hallo Felix S.,
die Nutzung Künstlicher Intelligenz an Schulen ist ein multidimensionales Thema. Bislang fehlen jedoch vielerorts klare Leitlinien, die Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften Orientierung für einen verantwortungsvollen Umgang mit den Chancen und Risiken von KI geben.
In der Praxis zeigt sich ein Spannungsfeld: Schülerinnen und Schüler nutzen KI zunehmend zur Bearbeitung von (Haus-)Aufgaben, während Lehrkräfte ihren Einsatz begrenzen, um Leistungen weiterhin valide bewerten zu können. Aus Sicht der Lernenden erleichtert KI die Bearbeitung schulischer Aufgaben und schafft Freiräume. Aus Sicht der Lehrkräfte erschwert sie hingegen die Beurteilung, welche Kompetenzen tatsächlich eigenständig erworben wurden.
Dass der Einsatz von KI Risiken birgt, ist wissenschaftlich gut belegt. Werden Denk- und Problemlöseprozesse dauerhaft an KI ausgelagert (cognitive offloading), werden Inhalte häufig weniger tief verarbeitet und langfristig schlechter gelernt. Hinzu kommt die Gefahr, dass eigenständige Fähigkeiten wie Schreiben, Recherchieren oder Problemlösen bei unreflektierter KI-Nutzung zunehmend verlernt werden können.
Vor diesem Hintergrund erscheint mir weniger die KI selbst als das eigentliche Problem, sondern die Tatsache, dass unser Schulsystem bislang nicht auf ihren Einsatz vorbereitet ist und Schüler*innen einen differenzierten Umgang mit KI nicht vermittelt. Ziel sollte daher nicht sein, KI aus Schulen zu verdrängen, sondern ihren Einsatz pädagogisch sinnvoll zu gestalten. Künstliche Intelligenz sollte Grundkompetenzen ergänzen, nicht ersetzen.
Dafür braucht es Unterrichts- und Prüfungsformen, die stärker den Lern- und Lösungsprozess als das bloße Endprodukt bewerten. Gleichzeitig sollte KI selbst zum Unterrichtsgegenstand werden, damit Schülerinnen und Schüler lernen, ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen, Grenzen und Risiken von KI zu erkennen und sie verantwortungsvoll einzusetzen.
Langfristig wird die Herausforderung deshalb weniger darin bestehen, den Zugang zu KI zu kontrollieren, sondern Unterricht und Leistungsbewertung so weiterzuentwickeln, dass frei verfügbare KI-Systeme den Erwerb grundlegender Kompetenzen nicht unterlaufen. Entscheidend ist letztlich, welche Kompetenzen Schule vermittelt und wie diese Kompetenzen überprüft werden.
Mit freundlichen Grüßen
Maren Kaminski

