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Julia Willie Hamburg
BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN
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Frage von Maike W. •

Ist Ihnen die sprechende Medizin etwas wert? Können Sie uns unterstützen und etwas gegen die Honorarkürzungen in der Psychotherapie tun?

Liebe Frau Hamburg, mein Vater hat bei ambulanten Untersuchungen im Krankenhaus nach einem Schwindel-Anfall 3700€ Kosten generiert. Glücklicherweise ohne Befund. Den Namen eines Arztes weiß er nicht mehr. Für diesen Betrag begleite ich Ali, Beke, Carla, Dennis, Esra, Flori, Gina, Helen, Indra, Joris, Kalle, Lea, Muna, Neele, Olja, Pierre, Quentin, Reza, Selin, Tim und all ihre Familien ca. ein dreiviertel Jahr - zum Teil in sehr schweren existentiellen Phasen ihres Lebens. Warum fällt die Kürzung - was einer expliziten Geringschätzung gleichkommt - ausgerechnet in diesen Bereich? Ein Skandal, oder?! Ich bin Akademikerin, leidenschaftliche KJPlerin und gerade SEHR frustriert. Noch schlimmer wurde mein Frust als mir der sooo überdrüssige Dunst von strukturellem Sexismus bewusst wurde: 80% der Psychotherapeut*innen sind Frauen. Wann hört das endlich auf, dass wir Frauen und die so wichtigen sozialen Kompetenzen so massiv abgewertet werden?? In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

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Antwort von BÜNDNIS 90/­DIE GRÜNEN

Hallo,

vielen Dank für Ihre Nachricht und die sehr eindrückliche Schilderung Ihrer Arbeit.

Sie machen sehr deutlich, welchen enormen Wert psychotherapeutische Arbeit hat – gerade in schwierigen und existenziellen Lebensphasen. Diese sogenannte „sprechende Medizin“ ist aus unserer Sicht ein unverzichtbarer Bestandteil einer guten Gesundheitsversorgung. Dass sie häufig weniger sichtbar und schlechter bewertet wird als apparative Medizin, ist ein strukturelles Problem, das viele Beschäftigte zu Recht kritisieren.

Die aktuellen Entwicklungen bei der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen sehen wir deshalb sehr kritisch. Auch BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Deutschen Bundestag haben die Honorarkürzungen deutlich kritisiert. Sie weisen darauf hin, dass die Versorgung bereits heute überlastet ist, Wartezeiten oft mehrere Monate betragen und Kürzungen die Situation weiter verschärfen würden.

Aus Sicht der Grünen Bundestagsfraktion braucht es daher keine Einschnitte, sondern im Gegenteil eine strukturelle Stärkung der psychotherapeutischen Versorgung – etwa durch eine bedarfsgerechtere Planung, bessere ambulante Angebote und eine verlässliche Finanzierung.

Die konkrete Ausgestaltung der Vergütungssysteme liegt allerdings in der gemeinsamen Selbstverwaltung im Gesundheitswesen sowie auf Bundesebene – unter anderem bei Institutionen wie der Kassenärztliche Bundesvereinigung und dem Gemeinsamen Bundesausschuss. Auf diese Prozesse hat Frau Hamburg als niedersächsische Kultusministerin und Landtagsabgeordnete keinen direkten Einfluss.

Gleichzeitig stehen wir als GRÜNE auf den verschiedenen politischen Ebenen im engen Austausch. Die Position ist aus unserer Sicht klar: Psychische Gesundheit darf nicht strukturell benachteiligt werden – weder finanziell noch gesellschaftlich. Dafür setzen sich unsere Kolleg*innen im Bundestag ebenso ein wie wir auf Landesebene.

Den von Ihnen angesprochenen Aspekt, dass ein großer Teil der Beschäftigten in diesem Bereich Frauen sind, nehmen wir ebenfalls sehr ernst. Die Frage nach der gesellschaftlichen Bewertung von Sorgearbeit und sozialen Berufen ist eng damit verbunden und bleibt eine zentrale politische Aufgabe.

Vielen Dank, dass Sie Ihre Perspektive und Ihre Erfahrungen mit uns teilen – und für Ihre wichtige Arbeit.

Mit freundlichen Grüßen
Team Hamburg

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