Frage an Iris Firmenich von Sevrqevpu Crpuoehaa bezüglich Bildung und Forschung

18. August 2019 - 09:59

Sehr geehrte Frau Firmenich,

der Bildungsmonitor 2019 zeigt uns im Dynamikranking folgende Inhalte für Sachsen:

P8 in Beruflicher Bildung / Arbeitsmarktorientierung

P10 in Hochschule / MINT

Der Beitrag des beruflichen Bildungssystems zur Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie der Anteil neu abgeschlossener Ausbildungsverträge und unbesetzter Stellen an der Gesamtzahl der 16-20jährigen Personen hat sich verschlechtert.

Wir haben zahlreiche (harmlos ausgedrückt) offene Ausbildungsstellen bei gleichzeitig zu vielen Schulabgängern ohne Ausbildungsstelle. Woran kann das liegen, was sind Ihre Ideen, um das zu verbessern?

"Immer mehr Schulabgänger mit Abitur in Sachsen gehen in eine duale Berufsausbildung im Handwerk statt an die Uni [...] Laut Statistik wurden 2018 im Freistaat 808 und damit 15,8 Prozent der insgesamt 5106 neu geschlossenen Lehrverträge mit Abiturienten besiegelt - drei Prozent mehr als 2017."

Läuft da nicht etwas schief? Warum, meinen Sie, besuchen Schüler das Gymnasium, obwohl teilweise recht früh feststeht, dass sie nie studieren werden? Der "Sinn" des Gymnasiums besteht doch aber eigentlich darin, die Hochschulreife zu erreichen.

Wenn man nun noch bedenkt, dass es zahlreiche Studierende gibt, die das Studium abbrechen um dann doch einen Beruf zu erlernen, dürfte die Berufsorientierung an Gymnasien eine viel zu untergeordnete Rolle spielen. Wir bestücken unsere Oberschulen bspw. mit Praxisberatern, die Gymnasien haben solche nicht - man geht ja vom Ziel "Student" aus. Ausbildungsmessen, Woche der offenen Unternehmen, Praktika, Werkstattwochen, Girls'/Boys'Day und wie es nicht alles heißt, sind omnipräsent an den Oberschulen, die Gymnasien gehen stur gen Studium, wobei auch am Ende des Studiums ein Beruf steht. Sollte hier Ihrer Meinung nach etwas getan werden, wenn ja, was und wie?

Vielen Dank für Ihren Antworten.

MfG
Sevrqevpu Crpuoehaa

Frage von Sevrqevpu Crpuoehaa
Antwort von Iris Firmenich
19. August 2019 - 12:21
Zeit bis zur Antwort: 1 Tag 2 Stunden

Sehr geehrter Herr Crpuoehaa,

gern beantworte ich Ihnen Ihre Fragen. Zunächst bin ich mir nicht ganz sicher, ob Sie bei Ihrer ersten Frage Schulabgänger ohne Ausbildungsstelle aber mit einem Schulabschluss meinen oder auf die Schüler abzielen, die die Schule ohne einen Schulabschluss verlassen. Ich werde Ihnen beides beantworten.

Das System der dualen Berufsausbildung ist anerkannt und bewährt zugleich. Es garantiert eine hohe fachliche Qualität der Ausbildung. Wir wissen das zu schätzen und werden die duale Ausbildung wieder stärker in den Focus nehmen. Die Oberschule ist das Kernstück unseres Bildungssystems. Ihre Aufgabe ist es, die zukünftige "Praxiselite" ausbilden. Dafür werden wir die Lehrpläne überarbeiten und den Praxisanteil deutlich erhöhen. In Kooperation mit der Wirtschaft, vor allem aber mit dem Handwerk, wollen wir den Schülern frühzeitig zeigen, welche Berufe es gibt, welche Anforderungen die Schüler dafür mitbringen sollten, welche Chancen und Perspektiven sie haben - vor allem im Hinblick auf eine weiterführende Ausbildung zum Meister - entweder mit dem Ziel einer beruflichen Selbständigkeit oder eines anschließenden Studiums an einer Berufsakademie oder Hochschule für angewandte Wissenschaften. Oftmals fehlt es den Schülern an Vorstellungen, welche Berufe es überhaupt gibt. Im Gespräch mit einer Schulklasse bemängelte ein Mädchen z.B., dass die im Rahmen der Berufsorientierung vorgestellten Berufsbilder zu wenig attraktiv für Mädchen und die Palette der Berufe zu eng gefasst seien. Dieser Hinweis ist richtig und deshalb soll die Berufsorientierung zukünftig qualitativ besser und breiter aufgestellt werden. An den Oberschulen gibt es Praxisberater, die jungen Menschen helfen, einen geeigneten Ausbildungsplatz zu finden. Das werden wir beibehalten, weil es sich bewährt. Nicht alle Kinder erfahren im Elterhaus die nötige Unterstützung.

Wenn dennoch Ausbildungsplätze frei bleiben, dann hat es vielfältige Gründe: Einer liegt in der Demografie. Auf Grund des Altersbaumes unserer sächsichen Bevölkerung werden in den kommenden zehn Jahren doppelt so viele Menschen aus dem Arbeitsprozess ausscheiden, wie neu hinzutreten können. Die jungen Menschen wurden nicht geboren und fehlen deshalb.

Ein weiterer Grund ist der, dass bei der Berufswahl neben dem Berufsbild an sich für die jungen Leute auch noch andere Kriterien eine Rolle spielen - z.B. Arbeitszeiten, Ausbildungsvergütung und spätere Einkommenschancen, Ausbildungsorte usw. Da haben es grüne Berufe schwer im Vergleich zu einer Ausbildungsstelle bei VW oder BMW. In sozialen Berufen kommt dann noch hinzu, dass die Ausbildung relativ lange dauert (weil auf Fachschulniveau) und an freien Schulen ein Schulgeld zu zahlen ist bzw. war. Für die Pflege ist das inzwischen abgeschafft und für die Erzieher(innen)ausbildung gibt es jetzt einen Zuschuss von max. 50 Euro pro Monat, mit dem Ziel zukünftig auch hier das Schulgeld gänzlich abzuschaffen. Parallel dazu arbeiten wir an einer Reform der Erzieher(innen) ausbildung.

Weil auch die Erreichbarkeit einer Berufsschule ein solcher Faktor ist, werden wir ein flächendeckendes Berufsschulnetz erhalten und es so strukturieren, dass es die regional wirtschaftlich relevanten Berufe abbildet sowie den ländlichen Raum stärkt.

Wenn es bei Bildungsstudien einen Kritikpunkt am sächsischen Bildungssystem gibt, dann ist es der relativ hohe Anteil an Schulabgängern ohne Abschluss. Warum ist das so? Da lohnt es sich genauer hinzuschauen. Die Ursache liegt darin, dass wir in Sachsen unsere Förderschule erhalten haben und vor allem an den Lernförderschulen nach wie vor viele (nach meiner Überzeugung zu viele) Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichten. Diese Schulen machen eine gute Arbeit und die Kinder erhalten dort individuelle Förderung mit guten Lernerfolgen. Wenn dann z.B. der nationale Bildungsbericht der DIPF feststellt, dass unsere Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf "Lernen" über bessere Kompetenzen verfügen als Hauptschüler in manchem westlichen Bundesland, dann haben wir hier Handlungsbedarf. Diese jungen Menschen werden gebraucht. Wir müssen also dafür sorgen, dass sie die Chance erhalten, einen Schulabschluss zu machen und damit die Möglichkeit einen Ausbildungsplatz zu erlangen.

Ein letzter Satz noch zu denen, die ihre Ausbildung abbrechen: Da liegt meines Erachtens eine Ursache in falschen Vorstellungen von dem Beruf, den der junge Mensch gewählt hat. Auch fehlt es manchem an Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen. Zur Verbesserung der Berufsorientierung und Berufsberatung hatte ich oben bereits ausgeführt. Mehr Praxisbezug im Unterricht, bessere Berufsberatung/Berufsorientierung in der Schule - übrigens auch in den Gymnasien - und vielleicht das eine oder andere Schnupperpraktikum in der Ferienzeit kann da schon frühzeitig für mehr Klarheit sorgen. Was Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen anbelangt, sehe ich Unterstützungsbedarf durch das Elternhaus. Auch brauchen Auszubildende Hilfe, wenn es in der Berufsschule mal nicht so klappt. Dafür kann die Berufsschule Angebote machen.

„"Immer mehr Schulabgänger mit Abitur in Sachsen gehen in eine duale Berufsausbildung im Handwerk statt an die Uni [...] Laut Statistik wurden 2018 im Freistaat 808 und damit 15,8 Prozent der insgesamt 5106 neu geschlossenen Lehrverträge mit Abiturienten besiegelt - drei Prozent mehr als 2017."

Läuft da nicht etwas schief? Warum, meinen Sie, besuchen Schüler das Gymnasium, obwohl teilweise recht früh feststeht, dass sie nie studieren werden? Der "Sinn" des Gymnasiums besteht doch aber eigentlich darin, die Hochschulreife zu erreichen.

Wenn man nun noch bedenkt, dass es zahlreiche Studierende gibt, die das Studium abbrechen um dann doch einen Beruf zu erlernen, dürfte die Berufsorientierung an Gymnasien eine viel zu untergeordnete Rolle spielen. Wir bestücken unsere Oberschulen bspw. mit Praxisberatern, die Gymnasien haben solche nicht - man geht ja vom Ziel "Student" aus. Ausbildungsmessen, Woche der offenen Unternehmen, Praktika, Werkstattwochen, Girls'/Boys'Day und wie es nicht alles heißt, sind omnipräsent an den Oberschulen, die Gymnasien gehen stur gen Studium, wobei auch am Ende des Studiums ein Beruf steht. Sollte hier Ihrer Meinung nach etwas getan werden, wenn ja, was und wie?“

Um Ihnen diese Frage zu beantworten, möchte ich etwas ausholen. Dass das Gymnasium nach wie vor viele Eltern als die bevorzugte Schulart ansehen, hat Gründe in der Zeit nach 1990, als eine hohe Arbeitslosigkeit herrschte, besonders viele junge Leute davon betroffen waren und die Chance auf einen Ausbildungsplatz oder/und einen Arbeitsplatz für Abiturienten besser waren. Auch heißt es, dass Akademiker bessere Einkommenschancen haben würden, als Fachkräfte ohne Studienabschluss. Das sind wohl die wesentlichsten Gründe dafür, weshalb der Übergang zum Gymnasium nach Klasse 4 auch heute noch als erstrebenswert gilt und der Weg zum Abitur mit anschließendem Studium in eine bessere Zukunft zu führen scheint. Bekräftigt wird diese Einstellung leider auch von manchen Bildungsstudien, die beim Ländervergleich hohe Übergangsraten zum Gymnasium als besonders gut und erstrebenswert beurteilen. Sachsen erfährt hingegen Kritik dafür, dass wir hier mit Vernunft agieren.

Da haben wir Bildungspolitiker innerhalb der CDU in Sachsen eine differenziertere Meinung. Dem wachsenden Trend zur Akademisierung begegnen wir durchaus mit Augenmaß. Das Gymnasium soll die Leistungselite ausbilden und nicht zur Regelschule für alle werden. Deshalb halten wir am Leistungsprinzp fest und werden an unseren Leistungsanforderungen keine Abstriche machen. Regulieren können wir den Übertritt zum Gymnasium nur bedingt, denn die Entscheidung über die Schulwahl treffen laut unserer Verfassung letztlich die Eltern. Deshalb hat die Bildungsempfehlung ja auch nur noch empfehlenden Charakter. Um so wichtiger ist das Beratungsgespräch über die Schullaufbahn im Vorfeld dieser Entscheidung in der 4. Klasse.

Ich gebe Ihnen Recht, dass die Berufsorientierung/Studienorientierung an den Gymnasien dringend ausgebaut werden muss. Bisher hat man das unterschätzt und nicht durch extra Personal unterstützt - wohl auch, weil Berufsorientierung an Gymnasien über den Europäischen Sozialfonds nicht förderfähig war. Das wird sich ändern. Mit Blick auf Studienabbrecher gilt nämlich das Gleiche wie bei den Ausbildungsabbrechern. Die jungen Leute haben keine klaren Vorstellungen, was das von ihnen gewählte Studium beinhaltet und was man danach damit machen kann.

Wenn sich hingegen ein Gymnasiast gegen ein Studium aber für eine Berufsausbildung entscheidet, sehe ich darin nichts Ehrenrühriges. Im Gegenteil. Erstens ist es für viele Studiengänge förderlich, wenn zunächst das "Handwerkszeug" gelernt wird. Darauf lässt sich in der Regel ein Studium erfolgreich aufbauen. Unser sächsisches Bildungssystem zeichnet sich durch eine hohe Durchlässigkeit aus. Das heißt, es gibt vielfältige Bildungswege, die bis zum Studienabschluss führen können. So kann man mit einem Realschulabschluss von der Oberschule am Beruflichen Gymnasium das Abi erwerben und damit den Hochschulzugang bis zur Universität. Ebenso ist im Anschluss an den Realschulabschluss der Besuch einer Fachoberschule mit Erwerb der Fachhochschulreife möglich. Ein dritter Weg führt über eine duale Ausbildung mit Abschluss als Geselle, weiter über den Handwerksmeister bis zur Fachhochschule. Dann gibt es für Abiturienten noch das duale Studium an einer unserer Berufsakademien oder auch die Sonderform der Berufsausbildung mit Abitur.

Weil aber diese Vielfalt der Möglichkeiten den meisten Eltern nicht geläufig ist, drängen viele ihre Kinder zum Gymnasium, auch wenn diese an einer Oberschule besser aufgehoben gewesen wären. Hier müssen wir noch intensiver aufklären und über die Gleichwertigkeit der Abschlüsse informieren. Schließlich wollen wir unsere Kinder zu starken und motivierten Persönlichkeiten ausbilden und erziehen und ihnen nicht das Selbstbewusstsein und den Mut nehmen, weil sie auf ihrem, u.U. für sie ungeigneten Bildungsweg gescheitert sind.

Sehr geehrter Herr Pechbrunn, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben, hoffe ich, dass ich Ihnen Ihre Fragen zu Ihrer Zufriedenheit beantworten konnte.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Iris Firmenich