Wie können Sie dabei unterstützen, dass sich die psychotherapeutische Versorgungslage nicht verschlechtert?
Sehr geehrter Herr Grosch, ich bin niedergelassene KJP-Therapeutin und schaue mit extremer Besorgnis auf die diskutierten Veränderungen, vor allem die Budgetierung. Ich befürchte, dass ich dann von meinem Beruf in der Selbstständigkeit nicht mehr finanziell leben kann. So könnte es anderen Therapeut:innen auch gehen, Praxen könnten geschlossen werden, weniger Therapien werden angeboten, eine Niederlassung für Nachwuchs unattraktiv. Jetzt schon warten Patient:innen ein Jahr auf einen festen Therapieplatz im Landkreis Hameln-Pyrmont. Diese Wartezeiten würden sich weiter verschärfen. Und das bei Kindern und Jugendlichen, bei denen ein Jahr Zeit extrem bedeutsam ist. Sie sind die Zukunft der Gesellschaft, jeder investierte Euro in Psychotherapie ist eine Prävention gegen weitaus höhere Langzeitfolgen und Kosten. Was für eine Gesellschaft wollen wir sein, dass die, die Hilfe und Schutz besonders benötigen, diese nicht bekommen? Ich bitte Sie, dies bei der Abstimmung zu berücksichtigen.
Sehr geehrte Frau S.,
vielen Dank für Ihre Mail und die klare Schilderung. Ich teile Ihre Sorge, gerade mit Blick auf die schon heute sehr langen Wartezeiten im Landkreis Hameln-Pyrmont.
Eine Budgetierung bzw. Vergütung, die am Ende dazu führt, dass weniger Therapie angeboten wird oder Praxen wirtschaftlich in Schwierigkeiten geraten, halte ich für den falschen Weg. Das trifft ja nicht nur, aber eben besonders Kinder und Jugendliche: Ein verlorenes Jahr ist in diesem Alter nicht „aufholbar“, und frühe Hilfe verhindert häufig spätere, deutlich teurere Folgekosten. Das weiß der Landkreis als Träger der Jugendhilfe ganz besonders.
Wir haben das Thema auch im Landtag diskutiert und tauschen uns dazu auch mit Kollegen im Bundestag aus. Gleichzeitig ist die Lage politisch leider etwas komplizierter, als es auf den ersten Blick wirkt. Die konkrete Vergütung wird nicht unmittelbar von der Landes- oder Bundespolitik festgelegt, sondern im Rahmen der gemeinsamen Selbstverwaltung auf Bundesebene verhandelt. Das hat ja durchaus gute Gründe: In Deutschland hat man sich bewusst dafür entschieden, solche Fragen nicht direkt an den politischen Verhandlungstisch zu setzen, sondern möglichst nah an der Versorgungspraxis und unter Einbeziehung der beteiligten Akteure zu entscheiden. So soll verhindert werden, dass medizinische Versorgung und Vergütung von tagespolitischen Mehrheiten abhängig werden.
Trotzdem darf man sich hinter diesem Verfahren nicht einfach verstecken. Wenn Entscheidungen in der Selbstverwaltung am Ende die Versorgung weiter unter Druck setzen, dann ist es selbstverständlich Aufgabe der Politik, das klar zu benennen und auf bessere Rahmenbedingungen hinzuwirken.
Unabhängig von der aktuellen Entscheidung zeigt die Debatte aus meiner Sicht vor allem, dass wir insgesamt weiter an die psychotherapeutische Versorgung ran müssen: bessere Bedarfsplanung, ein schnellerer Zugang zu passenden Angeboten und Strukturen, die dem tatsächlichen Bedarf endlich gerechter werden.
Parallel setze ich mich auf Landesebene weiter für den Ausbau stationärer und teilstationärer kinder- und jugendpsychiatrischer Angebote ein. Das ersetzt ambulante Therapie nicht, hilft aber, akute Lücken und Krisen besser abzufangen - und hier kann das Land tatsächlich agierend eingreifen.
Auch wenn Sie diese Antwort selbstverständlich nicht zufriedenstellen kann, hoffe ich, dass Sie sehen können, dass wir uns mit der Thematik beschäftigen. Gerne können wir die Problematik auch bei einem persönlichen Gespräch vertiefen.
Mit freundlichen Grüßen
Constantin Grosch

