Unterstützen Sie die Kopplung des Renteneintritts an das Lebensalter?
Sehr geehrter Herr Jordan,
die Kopplung der Rente an ein immer höheres Lebensalter ist sozial und wirtschaftlich rückwärtsgewandt. Menschen sind keine Produktionsfaktoren, die man beliebig länger im System halten kann. Schon heute erreichen viele Beschäftigte – in Pflege, Handwerk und Büros – das Rentenalter erschöpft oder krank. Arbeitsverdichtung und Dauerstress haben die Belastungsgrenze vieler längst erreicht. Besonders absurd ist diese Debatte im Zeitalter von KI und Automatisierung. Während Technologie immer mehr Arbeit übernimmt und die Produktivität steigt, lautet die politische Antwort: länger arbeiten. Das ist kein Fortschritt, sondern Denken von gestern. Das Problem ist nicht die steigende Lebenserwartung, sondern die ungerechte Verteilung der Gewinne des Fortschritts. Stehen Sie für diese nicht zukunftsfähige Entwicklung ein?
Mit freundlichen Grüßen
Yvonne S.
Sehr geehrte Frau S.,
vielen Dank für Ihre Frage.
Die Alterssicherungskommission hat vorgeschlagen, die Regelaltersgrenze nach 2031 moderat an die weitere Entwicklung der Lebenserwartung zu koppeln. Nach den derzeitigen Annahmen würde das nicht eine sprunghafte „Rente mit 70“ bedeuten, sondern zunächst einen schrittweisen Anstieg von 67 Jahren auf etwa 67 Jahre und sechs Monate bis 2041. Zugleich hat die Kommission weitere Vorschläge gemacht, etwa zu Übergangsregelungen, Härtefällen, zusätzlicher kapitalgedeckter Vorsorge und zur langfristigen Finanzierung des Rentensystems.
Diese Vorschläge sind politisch relevant und werden voraussichtlich Grundlage weiterer Beratungen sein. Beschlossen ist damit aber noch nichts. Über einen konkreten Gesetzentwurf wird der Bundestag beraten müssen.
Ich halte es für richtig, dass wir uns dieser Debatte ehrlich stellen. Die demografische Entwicklung setzt das Rentensystem erheblich unter Druck: Künftig kommen weniger Beitragszahlerinnen und Beitragszahler auf mehr Rentnerinnen und Rentner. Ohne Reformen würden Beitragssätze, Bundeszuschüsse oder das Rentenniveau weiter unter Druck geraten.
Gleichzeitig darf eine Reform nicht allein am Lebensalter ansetzen. Entscheidend ist, dass sie sozial ausgewogen bleibt. Menschen mit langen Erwerbsbiografien, gesundheitlichen Einschränkungen oder besonders belastenden Tätigkeiten dürfen nicht aus dem Blick geraten. Das gilt nicht nur für körperlich schwere Arbeit, sondern auch für Schichtarbeit, hohe Verantwortung, Arbeitsverdichtung und dauerhaften Veränderungsdruck.
Deshalb werde ich mir die konkreten Vorschläge sehr genau ansehen. Für mich ist wichtig: Verlässlichkeit für rentennahe Jahrgänge, faire Übergangsregelungen, die Anerkennung von Lebensleistung und eine langfristig tragfähige Finanzierung der Rente müssen zusammen gedacht werden.
Ich verstehe Ihre Frage weiterhin dahingehend, ob Wertschöpfung aus Anwendungen der KI und der Automatisierung/Robotik zur Finanzierung der Alterssicherung herangezogen werden sollte und nicht vielmehr ein Umverteilungsproblem vorläge. Nach meinem Verständnis ermöglichen diese genannten Technologien eine produktive Wertschöpfung in Deutschland. Eine zusätzliche nationale Besteuerung und Umverteilungsmodelle würden nach meiner Ansicht bremsend auf Investitionen am Standort Deutschland wirken und unsere Wirtschaft im internationalen Vergleich schwächen.
Mit freundlichen Grüßen
Alexander Jordan MdB

