Frage an Tiemo Wölken von Nawn Ynatr bezüglich Umwelt

11. Februar 2020 - 09:28

Sehr geehrter Herr Wollen.
Mit Sorge verfolge ich die Entwicklungen der Klimakrise(scheinbar schon erreichte Kipppunkte, Naturkatastrophen in aller Welt) und lese von den zu erwartenden Konsequenzen wenn die co2 Emissionen nicht massiv eingeschränkt werden in den nächsten 11Jahren(eine Welt die quasi als unbewohnbar beschrieben wird nachdem zahlreiche.fliehen müssen und Nahrung und Trinken nicht mehr für alle reicht).

Im krassen Gegensatz dazu stehen viele Dinge unseres Alltags, u.a. hier in Frankfurt mit zahlreichen Inlandsflügen die günstiger sind als ein Bahnticket,
Nahrungsmitteln die weggeworfen werden weil sie EU Standards nicht erfüllen.

- ist es möglich diese Standards aufzuweichen um dieser Verschwendung entgegen zu wirken?

- wie setzen sie sich in der EU dafür ein, auch für jeden einzelnen Alternativen mit weniger CO2 Emissionen, zb Bahn statt Flug, attraktiver zu machen?

Frage von Nawn Ynatr
Antwort von Tiemo Wölken
17. März 2020 - 10:15
Zeit bis zur Antwort: 1 Monat

Sehr geehrte Frau Ynatr,

vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich teile Ihre Bedenken und bin ebenfalls der Auffassung, dass dringend verstärktes Handeln geboten ist.

Zu Ihren konkreten Fragen:
1. Wie ich es verstehe, beziehen Sie sich auf die Vermarktungsnormen für Lebensmittel, dass z.B. Äpfel einen Durchmesser von 6 cm haben müssen, um verkauft werden zu können. Manche dieser Regeln sind zwar durchaus sinnvoll für VerbraucherInnen (um im Beispiel zu bleiben: Äpfel müssen ganz und gesund sein und frei von Fremdstoffen). Andere hingegen nicht. Lebensmittelverschwendung und auch verschwenderische Ernährung hat der Weltklimarat in einem Sondergutachten 2019 als ein immenses Problem identifiziert. Mit einer pflanzlicheren und sparsameren Ernährung könnten mehrere Millionen km² Landfläche befreit werden und mehrere Milliarden Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahre eingespart werden (https://www.ipcc.ch/srccl/chapter/summary-for-policymakers/)

Ich finde es daher wichtig, dass die EU-Kommission das Problem der Lebensmittelverschwendung angehen will. Teil des Europäischen "Green Deals" soll u.a. eine Strategie „vom Erzeuger bis zum Verbraucher“ werden, in der die Kommission die Maßnahmen zur Vermeidung von Verschwendung ausbauen möchte (bisher ist es u.a. seit 2018 besser möglich, nicht mehr verkehrsfähige Lebensmittel (z. B. unverkauftes Brot, Keksbruch) als Tierfutter zu nutzen). Einen Überblick über die geplanten Aktivitäten und weitere häufige Fragen finden Sie hier: https://ec.europa.eu/commission/presscorner/detail/de/QANDA_19_6706

Der größte Anteil der Lebensmittelverschwendung (über 50%) liegt übrigens im Bereich der Haushalte - da muss bzw. kann jede/r auch selbst aktiv werden.

2. Auch mit Ihrer zweiten Frage sprechen Sie einen wichtigen Punkt an: Der Flugverkehr genießt ungerechtfertigte Steuervorteile, durch die nicht nur dem Gemeinwesen Milliarden an Einnahmen entgehen, sondern auch die Umweltfolgen nicht ausreichend berücksichtigt werden. Das wollen wir ändern: Die SPD hat auf Ihrem Parteitag im Dezember beschlossen, dass fossile
Treibstoffe in der gewerblichen Schiff- und Luftfahrt europaweit entsprechend ihrer Umweltfolgen und Klimafolgen besteuert und diesbezügliche Mehrwertsteuerprivilegien abgeschafft werden sollen (https://indieneuezeit.spd.de/beschluesse/, Beschluss 6). Ich werde mich im europäischen Parlament dafür einsetzen, dass wir damit noch in diesem Jahr vorankommen: Die Europäische Kommission hat für das 4. Quartal zwei Maßnahmenpakete für nachhaltige Kraftstoffe in Flug- und Schiffsverkehr angekündigt - ich werde diese eng begleiten und darauf drängen, dass strenge Maßnahmen im Sinne unseres Parteitagsbeschlusses im Parlament eine Mehrheit finden.

In Bezug auf direkte Förderung des Bahnverkehrs ist die EU auch tätig: Über die "Connecting Europe Facility" werden größtenteils grenzüberschreitende Bahnverbindungen gefördert (https://ec.europa.eu/transport/themes/infrastructure/cef_en). Das Parlament setzt sich in den aktuellen Verhandlungen zum mehrjährigen Finanzrahmen dafür ein, dass diese Mittel deutlich ausgebaut werden: Im aktuellen Rats- und Kommissions-Vorschlag sollen die Mittel bei etwa 11,3 Mrd. Euro liegen, das Parlament fordert 17,7 Mrd. Euro. Wir setzen uns zudem dafür ein, deutlich mehr Güterverkehr auf die Schiene zu verlagern.

Mit freundlichen Grüßen,
Tiemo Wölken