Stefan Urbat
PIRATEN

Frage an Stefan Urbat von Crgge Nfgeb bezüglich Innere Sicherheit

13. September 2009 - 17:35

Hallo Stefan Urbat

Bei den Wasser, Gas, Stromlieferanten wird zur Zeit von den alten mechanischen Zählern auf elektronische Zähler mit Internet Zugang umgestellt.
Wenn ich richtig informiert bin, können diese von den Lieferanten permanent ausgelesen werden.
Als Techniker ist dies für mich eine Horror Vorstellung, wenn ich mir überlege was man aus dem Verbrauch alles Online ablesen kann, da dies ja bestimmt irgend wann ausgenutzt wird, wenn die Zähler mal da sind.

Zum Beispiel:
Ist jemand Zuhause?
Wieviel Leute sind Zuhause?
Wann sind die Bewohner Zuhause / nicht Zuhause.
Welche Fernsehsender werden angeschaut? (Klospühlung in Werbepausen)
Welche Geräte werden wann benutzt? (Strom/Gassignatur der Geräte)
Und so weiter.

Nun zu meinen Fragen.

Welche Daten können ausgelesen werden und in welchem Zeitintervall?
Gibt es eine Alternative oder einen Schutz von Verbrauchern die diese Informationen nicht weitergeben wollen?
Wie sieht das Datenschutz Konzept der Konzerne aus?
Können solche Informationen verkauft / weitergegeben werden?
Taugen die elektr. Zähler als Überwachungsschnittstelle?

Wie steht die Piratenpartei dazu?

Noch unüberwachte Grüsse aus BW

Frage von Crgge Nfgeb
Antwort von Stefan Urbat
13. September 2009 - 21:15
Zeit bis zur Antwort: 3 Stunden 40 Minuten

Hallo Pettr Astro,

ich spreche sicher meinen Piratenkollegen aus der Seele, dass ich Ihre Horrorvorstellung als eine Art Albtraum teile, der schon direkt vor der Realisierung steht:

Gerade EnBW ist schon drauf und dran, vorerst noch auf freiwilliger Basis, diese Absichten zu realisieren. Ganz ähnlich wie bei Payback-Karten, die im Wesentlichen durch Gläsernmachen der Kunden der Einkaufs- und Verhaltenskontrolle sowie -Manipulation derselben dienen, versucht hier die Energiewirtschaft mit dem Versprechen des Energiesparens durch Herausfinden von überdurchschnittlichen Verbräuchen und Nutzungsmustern den Kunden diese Geräte schmackhaft zu machen.

Dass dabei die Energienutzung der Kunden völlig transparent für den Versorger wird, ist sicher nicht unerwünscht seitens des Versorgers und weckt sofort Begehrlichkeiten bei Marketingleuten, für die Datenschutz ohnehin nur einen Störfaktor in ihren Absatzstrategieen darstellt.

Sie können sicher sein, dass solche Leute auch anderer Branchen horrende Summen dafür bieten werden, an so detaillierte Verbrauchsprofile aller Stromkunden in BW zu kommen, da EnBW als Monopolist ja so ziemlich alle Einwohner unter Kontrolle hat. Bei dem nicht vorhandenen Stellenwert von Datenschutz in der Privatwirtschaft (wie auch bei staatlichen Institutionen) können Sie sich realistisch betrachtet wirklich auf das Schlimmste gefasst machen: die völlig veralteten Datenschutzgesetze erfahren wie erwartet keine echten Fortschritte und Verwertungslobbies wie Adresshändler setzen sich in der Politik (Beispiel Listenprivileg) wie zuletzt wieder gesehen spielend gegen die Verbraucherinteressen hinsichtlich Datenschutz durch. Hier sind schon seit Jahrzehnten keine nennenswerten Fortschritte mehr zu verzeichnen, während die Möglichkeiten der Erhebung und Verknüpfung von Daten ebenso rasant gewachsen sind wie sie es auch weiterhin tun werden, bei völlig fehlenden Skrupeln und Barrieren für die Verwerter.

Zu Ihren Fragen:

meines Wissens besteht derzeit (noch) keine Verpflichtung für EnBW-Kunden, auf die neuartigen Internetzähler umstellen zu lassen. Sie können sich also vorerst einfach weigern bzw. eine solche Umstellung kann soviel ich weiss nur mit Ihrer Zustimmung erfolgen (zumindest wo ich wohne). Das kann sich aber rasch ändern.

Internetzähler sind zudem natürlich allen bekannten Hackerangriffen ausgesetzt, es ist voraussichtlich für unbefugte Dritte ähnlich wie bei suboptimal und gar nicht verschlüsselten Funknetzen kein Problem, diese Daten einfach unterwegs abzugreifen.

Soviel ich weiß, sind die Daten der neuen Stromzähler mindestens minutengenau, was detaillierter Kontrolle Tür und Tor öffnet (Ihre Beispiele sind sehr treffend). Mitlesende Einbrecher können so besser denn je zuvor herausfinden, wenn längere Zeit niemand zu Hause ist (bislang ist z.B. Licht in der Dusche stets brennen zu lassen eine sehr wirksame Abschreckungsmaßnahme, weil glaubhafte Anwesenheitsdrohkulisse).

Übrigens erhielt die EnBW-Tochter Yello-Strom, die wie der Mutterkonzern seit Ende 2008 diese intelligenten Stromzähler anbietet, bereits im Oktober 2008 den Bigbrother Award des Foebud e.V. für das Durchsichtigmachen ihrer Kunden. Offenbar fehlte jedes Datenschutzkonzept seitens Yello Strom - wie erwähnt kommt dies für mich nicht unerwartet.

Im liberalen Schweden sind intelligente Stromzähler vom Netzanbieter schon längst zwingend vorgeschrieben, auch andere Länder haben schon (fast) flächendeckend solche Schnüffelzähler im Einsatz. Das verdeutlicht die Größe der Gefahr der Überwachung durch die Versorger.

Am schlimmsten wird es natürlich, wenn über den sogenannten M-bus alle elektrischen Geräte einzeln den intelligenten Stromzähler mit Daten versorgen, dann kann jedes Gerät für sich genau kontrolliert werden und die Kontrolle des Kunden wird beinahe perfekt.

Mit freundlichen (und transparenten) Grüßen,

Stefan Urbat