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Simone Borchardt
CDU
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Frage von Claudia S. •

Wieso tut sich die CDU so schwer den Empfehlungen der Expertenkommission GkV-Reform in Bezug auf die Pharmakonzerne 100% zu folgen & kürzt stattdessen bei der ambulanten psychotherapeutischen Versorgu

Ich bin psychologische Psychotherapeutin.

Eine starke demokratische Gesellschaft braucht psychisch gesunde Menschen!

Ich verfolge mit großer Sorge & Ärger die Kürzung der psychotherapeutischen Vergütung zum 1. April 2026 sowie die weiteren als „Reformen“ bezeichneten Vorschläge des eingesetzten Expertengremiums. Die vorliegenden Erkenntnisse zur Versorgungslage und zur Wirksamkeit von Psychotherapie sprechen eine klare Sprache: Psychotherapie ist nicht nur individuell wirksam, sondern auch gesellschaftlich und volkswirtschaftlich sinnvoll. Selbst die WHO betont, dass Investitionen in psychische Gesundheit einen erheblichen „Return on Investment“ haben.Für jeden investierten Euro fließen mindestens vier Euro an gesellschaftlichem Nutzen zurück. Dieser ergibt sich unter anderem aus der Verhinderung von Suiziden, der Reduktion von Arbeitsausfällen sowie der Vermeidung von Frühverrentungen. Vor diesem Hintergrund sind Kürzungen absolut KONTRAPRODUKTIV!

Wir retten Menschenleben!!!!!!

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Antwort von CDU

Ich verstehe, dass Sie als psychologische Psychotherapeutin die aktuelle Debatte mit großer Sorge verfolgen. Psychotherapie ist ein wichtiger Bestandteil einer leistungsfähigen Gesundheitsversorgung. Sie hilft Menschen in schweren Lebenslagen, kann Chronifizierung verhindern und ist gerade bei Kindern, Jugendlichen und schwer belasteten Patientinnen und Patienten unverzichtbar. Dass Investitionen in psychische Gesundheit gesundheitlich und volkswirtschaftlich sinnvoll sein können, ist gut belegt, unter anderem verweist die WHO auf erhebliche positive Effekte bei der Behandlung von Depressionen und Angststörungen.

Trotzdem teile ich Ihre zugespitzte Darstellung nicht. Die Reform der gesetzlichen Krankenversicherung kann nicht so geführt werden, als gebe es nur eine einzige Berufsgruppe, deren Interessen maßgeblich wären. Die GKV steht insgesamt unter erheblichem finanziellen Druck. Die Finanzkommission Gesundheit hat einen umfangreichen Bericht mit 66 Empfehlungen vorgelegt, der gerade nicht nur einen Bereich betrifft, sondern Krankenhäuser, Praxen, Arzneimittelversorgung, Apotheken, Hersteller, Kassenstrukturen, Einnahmeseite und versicherungsfremde Leistungen in den Blick nimmt.

Auch die Pharmaindustrie wird nicht geschont. Im Referentenentwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz sind unter anderem zusätzliche Regelungen im Arzneimittelbereich vorgesehen, darunter ein dynamischer Herstellerabschlag für patentgeschützte Arzneimittel. Dass die pharmazeutische Industrie diese Pläne massiv kritisiert, zeigt gerade, dass dort ebenfalls erhebliche Eingriffe diskutiert werden.

Zur psychotherapeutischen Vergütung ist außerdem wichtig: Die Absenkung zum 1. April 2026 ist keine Einzelentscheidung der CDU-Bundestagsfraktion, sondern ein Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses. Nach Darstellung des GKV-Spitzenverbandes beträgt die Absenkung der Vergütungshöhe 4,5 Prozent, zugleich wurden Strukturzuschläge erhöht, sodass sich rechnerisch eine Honoraranpassung von insgesamt minus 2,3 Prozent ergibt. Diese Einordnung ändert nichts daran, dass der Beschluss politisch und fachlich überprüft werden muss, sie zeigt aber, dass die Debatte korrekt geführt werden sollte.

Ich lasse mich in dieser Frage nicht auf eine Gegenüberstellung „Pharma gegen Psychotherapie“ reduzieren. Das wäre gesundheitspolitisch zu schlicht. Wir brauchen eine gute psychotherapeutische Versorgung, aber wir brauchen auch bezahlbare Beiträge, verlässliche Arzneimittelversorgung, funktionierende Hausarztpraxen, Krankenhäuser, Apotheken, Pflege und eine faire Lastenverteilung im gesamten System.

Mein Maßstab ist deshalb nicht, ob eine einzelne Empfehlung zu 100 Prozent übernommen wird, sondern ob am Ende ein tragfähiges Gesamtpaket entsteht. Die Empfehlungen der Kommission sind eine fachliche Grundlage, keine automatische Gesetzgebung. Der Deutsche Bundestag muss prüfen, gewichten und entscheiden. Dabei werde ich darauf achten, dass notwendige Einsparungen nicht zu Lasten der Versorgungssicherheit gehen, aber ich werde auch keine Berufsgruppe pauschal von jeder Konsolidierung ausnehmen.

Psychotherapie rettet Menschenleben. Das bestreite ich ausdrücklich nicht. Aber ein stabiles Gesundheitssystem rettet ebenfalls Menschenleben. Genau deshalb müssen wir die GKV so reformieren, dass sie leistungsfähig bleibt und nicht durch immer weiter steigende Beiträge ihre Akzeptanz verliert.

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