Wie rechtfertigen Sie die geplante Budgetierung im Bereich der ambulanten Psychotherapie, auch für Kinder und Jugendliche, angesichts des bereits bestehenden Nachfrageüberhangs?
Liebe Frau Borchardt, als langjährig im Ruhrgebiet niedergelassene Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin erlebe ich täglich die Folgen struktureller Unterfinanzierung: monatelange Wartezeiten, verzweifelte Familien und eine Versorgung, die dem tatsächlichen Bedarf (ca. 30 Anfragen/Woche nur bei mir!) in keiner Weise gerecht wird. Sollten psychotherapeutische Leistungen budgetiert werden, kann ich eine Großzahl meiner laufenden Behandlungen nicht mehr weiterführen und muss noch mehr Anfragende abweisen. Etliche Kollegen müssen ihre Praxen sogar schließen, da sie dann nicht mehr kostendeckend arbeiten können! Suizid ist im Kindes- und Jugendalter die zweithäufigste Todesursache! Kürzungen in diesem Bereich verschärfen nicht nur individuelles Leid, sondern verursachen langfristig auch höhere gesellschaftliche und wirtschaftliche Kosten (ROI der Psychotherapie: 1:4). Bitte verhindern Sie weiteres Leid auf Patienten- und Versorgerseite. Wir zählen auf SIE! Vielen Dank!!!
Ich kann nachvollziehen, dass die Debatte über mögliche Änderungen bei der Vergütung ambulanter Psychotherapie, gerade im Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, mit großer Sorge verfolgt wird. Psychische Erkrankungen junger Menschen sind ernst zu nehmen. Der Zugang zu notwendiger Behandlung darf nicht leichtfertig gefährdet werden.
Zugleich möchte ich offen sagen: In meinem Büro sind inzwischen sehr viele gleichlautende oder nahezu gleichlautende Anfragen zu diesem Thema eingegangen. Stand 28. April 2026 liegen 1031 E-Mails und Nachrichten aus dieser Kampagne vor. Jede Anfrage wird zur Kenntnis genommen. Eine massenhafte Wiederholung derselben Argumente ersetzt aber nicht die notwendige fachliche, rechtliche und finanzielle Abwägung im parlamentarischen Verfahren.
Die gesetzliche Krankenversicherung steht unter erheblichem Finanzdruck. Deshalb müssen alle Ausgabenbereiche überprüft werden. Das betrifft nicht nur die Psychotherapie, sondern das gesamte System. Wer die Beitragszahlerinnen und Beitragszahler entlasten und die Versorgung langfristig sichern will, kann einzelne Leistungsbereiche nicht pauschal von jeder Prüfung ausnehmen. Entscheidend ist, dass am Ende eine tragfähige Lösung entsteht, die medizinisch verantwortbar, wirtschaftlich solide und praktisch umsetzbar ist.
Dabei gilt für mich: Psychotherapeutische Versorgung ist wichtig, besonders für Kinder und Jugendliche. Ebenso richtig ist aber, dass politische Entscheidungen nicht allein auf der Grundlage zugespitzter Kampagnenbotschaften getroffen werden können. Behauptungen, laufende Behandlungen müssten zwangsläufig in großer Zahl abgebrochen werden oder Praxen flächendeckend schließen, müssen anhand der konkreten gesetzlichen Ausgestaltung geprüft werden. Genau diese Ausgestaltung ist Gegenstand der weiteren Beratungen.
Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Auswirkungen auf die Versorgung, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, sorgfältig betrachtet werden. Eine Zusage, bestimmte Regelungen unabhängig vom weiteren Verfahren vollständig zu verhindern, kann ich derzeit nicht geben. Das wäre unseriös. Verantwortliche Gesundheitspolitik muss Zielkonflikte offen benennen: Versorgung sichern, Beiträge stabilisieren, Bürokratie abbauen und Fehlsteuerungen im System korrigieren.
Die eingegangenen Hinweise aus der Praxis werden in die Bewertung einbezogen. Die Entscheidung fällt aber nicht nach Lautstärke einer Kampagne, sondern nach der Frage, welche Regelung dem Gesundheitssystem insgesamt nützt.
Am Ende noch einmal die fachliche Einordnung: Der Erweiterte Bewertungsausschuss hat laut KBV eine Absenkung der Vergütung psychotherapeutischer Leistungen um 4,5 Prozent zum 1. April 2026 beschlossen. Der GKV-Spitzenverband vertritt dazu die Auffassung, dass dadurch keine Veränderung der ambulanten psychotherapeutischen Versorgung zu erwarten sei. Die WHO beziffert den Nutzen von Investitionen in die Behandlung von Depressionen und Angststörungen mit einem vierfachen Return.

