Ist es aus Ihrer Sicht sinnvoll, an frühzeitiger psychotherapeutischer Versorgung zu sparen, wenn dadurch spätere Klinikaufenthalte wahrscheinlicher werden?
Ihre Frage berührt einen wichtigen Punkt: Eine frühzeitige und gut erreichbare psychotherapeutische Versorgung kann dazu beitragen, schwerere Krankheitsverläufe zu vermeiden. Das gilt besonders bei Kindern, Jugendlichen und Menschen in akuten Krisensituationen. Diesen Zusammenhang nehme ich ernst.
Ich werde mich allerdings nicht auf eine Fangfrage einlassen, die unterstellt, die Politik wolle sehenden Auges an notwendiger Versorgung sparen und spätere Klinikaufenthalte in Kauf nehmen. Diese Zuspitzung wird der Realität nicht gerecht. Gesundheitspolitik besteht nicht darin, eine einzelne Leistungsgruppe aus dem Gesamtgefüge herauszulösen und sie zum alleinigen Maßstab der Versorgung zu machen.
Psychotherapie ist wichtig. Sie ist aber nicht das Maß aller Dinge. Auch Hausärztinnen und Hausärzte, Kinderärztinnen und Kinderärzte, Pflegekräfte, Kliniken, Apotheken, Heilmittelerbringer, Reha-Einrichtungen und viele weitere Bereiche leisten jeden Tag unverzichtbare Arbeit. Wenn die gesetzliche Krankenversicherung dauerhaft stabil bleiben soll, müssen alle Ausgabenbereiche betrachtet werden.
Zur Einordnung: Die gesetzliche Krankenversicherung steht insgesamt unter erheblichem Finanzdruck. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums lagen die Ausgaben der GKV im Jahr 2025 bei rund 352,4 Milliarden Euro, die Leistungsausgaben stiegen um 7,9 Prozent. Die Finanzreserven der Krankenkassen lagen Ende 2025 weiterhin unterhalb der gesetzlich vorgesehenen Mindestreserve. Das ist keine Kleinigkeit, sondern ein strukturelles Problem.
Auch die psychotherapeutische Versorgung ist in den vergangenen Jahren nicht vernachlässigt worden. Nach Angaben der KBV nahmen Ende 2025 insgesamt 191.875 Ärztinnen, Ärzte, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten an der vertragsärztlichen Versorgung teil, darunter 36.197 Psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten. Die Zahl ist gegenüber dem Vorjahr weiter gestiegen. Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung weist zudem darauf hin, dass der psychotherapeutische Versorgungsbereich 2024 erneut den größten Zuwachs innerhalb der ambulanten Versorgung verzeichnete.
Das heißt nicht, dass es keine Probleme gibt. Wartezeiten sind real, regionale Unterschiede sind real, und gerade bei Kindern und Jugendlichen müssen wir genau hinschauen. Es heißt aber sehr wohl, dass die Behauptung, hier werde schlicht „an Psychotherapie gespart“, zu kurz greift. Mehr Geld allein löst nicht automatisch das Problem, wenn Strukturen, Steuerung, regionale Verteilung, Teilzeitquoten, Akutversorgung und Übergänge zwischen ambulanter und stationärer Versorgung nicht funktionieren.
Hinzu kommt: Die Ausgaben für ambulante psychotherapeutische Versorgung sind nach Angaben des GKV-Spitzenverbandes in den vergangenen zehn Jahren deutlich gestiegen und liegen inzwischen bei rund 4,6 Milliarden Euro jährlich. Das entspricht fast zehn Prozent der Ausgaben für die ambulante ärztliche Versorgung. Auch diese Zahlen gehören zu einer ehrlichen Debatte.
Mein Ziel ist deshalb nicht, psychotherapeutische Versorgung kleinzureden. Mein Ziel ist, sie sachlich in das Gesamtsystem einzuordnen. Wir brauchen eine Versorgung, die Patientinnen und Patienten tatsächlich erreicht. Wir brauchen kurze Wege für akute Fälle. Wir brauchen eine bessere Steuerung, damit diejenigen schneller Hilfe bekommen, die sie dringend benötigen. Und wir brauchen eine Finanzierung, die auch in den kommenden Jahren tragfähig bleibt.
Ich halte deshalb nichts von Alarmismus und auch nichts von Berufsgruppenpolitik nach dem Motto: Unser Bereich darf nicht berührt werden, alle anderen schon. Die gesetzliche Krankenversicherung wird von Beitragszahlerinnen und Beitragszahlern finanziert. Diesen Menschen sind wir genauso verpflichtet wie den Leistungserbringern.
Im parlamentarischen Verfahren werde ich darauf achten, dass notwendige Konsolidierung nicht zu Fehlsteuerungen führt. Einsparungen dürfen nicht dazu führen, dass am Ende höhere Folgekosten entstehen. Gleichzeitig werde ich aber auch nicht zusagen, dass einzelne Bereiche pauschal von allen Maßnahmen ausgenommen werden. Dafür ist die Lage der GKV zu ernst.
Kurz gesagt: Frühzeitige psychotherapeutische Versorgung ist wichtig. Aber eine verantwortliche Reform der gesetzlichen Krankenversicherung muss das Ganze sehen, nicht nur einen Ausschnitt.

