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Michel Brandt
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Frage an Michel Brandt von Peter W. bezüglich Gesundheit

Sehr geehrter Herr Brandt,

von verschiedenen Politikern ist zu hören, dass die Impfung sicher sei und alle, die sich nicht impfen lassen wollen, unsolidarisch seien. Mitmenschen, die die Risiken einer Impfung, z.B. aufgrund fehlender Langzeitstudien höher einschätzen als den Nutzen, werden nach meiner Wahrnehmung nicht ernst genommen, oft gar als Coronaleugner oder Aluhutträger diffamiert. Der Aspekt, dass Impfung ist in erster Linie Selbstschutz ist, wird oft nicht betrachtet.

Auch ich finde, dass es es gute Gründe gibt, mit der Impfung abzuwarten. Clemens Arvays Buch "Corona-Impfstoffe: Rettung oder Risiko?", das auch Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft, gegenüber der Frankfurter Rundschau als „gute, sachlich geschriebene und sorgfältig recherchierte Informationsquelle“ lobt, hat mich bestärkt. Auch Ludwig sagt: „Wir können bislang nichts zur Langzeitsicherheit dieser Impfstoffe sagen.“ (https://www.fr.de/wissen/clemens-avray-corona-impfstoffe-impfen-virologe-90335633.html)

Ich würde mir mehr offenen öffentlichen Diskurs über kurz- und langfristigen Chancen und Risiken wünschen, damit jeder gut informiert die Abwägung selbst vornehmen kann.

• Wie stehen Sie dazu, dass jeder Bürger Nutzen und Risiko einer Impfung selbst abwägen darf und sich frei, ohne politischen oder gesellschaftlichen Druck für oder gegen Impfen entscheiden kann?

Da ich keiner Risikogruppe angehöre, würde ich mich Stand heutigem Wissen nicht impfen lassen. Ich frage mich aber, wie mein zukünftiges Leben als Ungeimpfter aussehen wird. Deshalb meine zweite Frage:

• Würden Sie folgenden Satz unterschreiben? Wenn alle Impfwilligen geimpft sind, werde ich mich als Parlamentarier voll und ganz dafür einsetzen, dass ALLE Corona-bedingten Einschränkungen unverzüglich aufgehoben werden.

Ich erwarte gespannt Ihre Antwort.

Frage von Peter W. am
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Zeit bis zur Antwort: 1 Monat

Sehr geehrter Herr Walser,

vielen Dank für Ihre Fragen. Ich gehe davon aus, dass sich die Politikerinnen und Politiker, von denen Sie schreiben, bei ihrer Einschätzung zur Sicherheit der Impfstoffe auf die zuständigen Kontrollinstanzen beziehen. Da ich selbst kein Fachwissen dazu besitze orientiere auch ich mich an den offiziellen Einschätzungen von z.B. der Europäischen Arzneimittel-Agentur und sehe aktuell keinen Anlass, vor den Impfungen zu warnen. Vielmehr bieten die Corona-Impfungen auch meiner Meinung nach die Aussicht auf einen konkreten Weg aus der Pandemie. Damit berühren wir aber zwingend auch die Frage, die Sie ansprechen: Die Rückkehr zu einem Alltag ohne weitreichende Kontaktbeschränkungen und der Normalität, auf die wir alle warten, wird erst dann möglich sein, wenn ein ausreichend großer Anteil der Gesamtbevölkerung geimpft ist und/oder die Zahl der Neuinfektionen und belegten Intensivbetten ausreichend und stabil Richtung Null geht. Somit steckt meiner Ansicht nach durchaus neben dem individuellen Schutz notwendiger Weise auch ein kollektiver Nutzen in der Impfung, der jedoch nur zum Tragen kommt, wenn die Menschen das Impfangebot auch annehmen.

DIE LINKE hat dabei auch immer wieder betont, dass die Corona-Impfstoffe als globales öffentliches Gut zu behandeln und die Lizenzen freizugeben sind. Zur gesundheitspolitischen Position der Fraktion DIE LINKE finden Sie bei MdB Dr. Achim Kessler mehr: https://www.achim-kessler.de/aktuelles/categories/gesundheitspolitik Zu Ihren zwei Fragen: Selbstverständlich bin ich der Meinung, dass jede und jeder eine selbstbestimmte Impfentscheidung treffen können muss, das steht für mich als Grundsatz fest. Diese Entscheidung jedoch ist im Kontext der aktuellen Pandemie zu treffen. Ich kann es angesichts der katastrophalen Situation auf den Intensivstationen, dem völlig überarbeiteten Krankenhauspersonal und den seit einem Jahr schwierigen Lebenssituation vieler Menschen niemanden verübeln, auf eine schnelle Impfkampagne zu drängen – zumal Menschenleben davon abhängen. Sicherlich kann daraus Druck entstehen, wie sollte es in einer Pandemie auch anders sein? Die zweite Frage ist schnell beantwortet: Ob alle Corona-bedingten Einschränkungen zurückgenommen werden können, wenn alle Impfwilligen geimpft sind, hängt vom Anteil der Impfwilligen an der Gesamtbevölkerung und dem Infektionsgeschehen ab. Wenn dieser nicht reicht, um die Zahl der Neuinfektionen und die Auslastung der Intensivstationen rapide zu senken, dann werden voraussichtlich auch keine Lockerungen möglich sein – es sei denn, es gelingt bis dahin die dritte Welle durch einen konsequenten und solidarischen Shutdown zu brechen und im Schach zu halten.

Ich hoffe, das beantwortet Ihre Fragen.

Mit freundlichen Grüßen,

Michel Brandt

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