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Karl Bär
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Frage von Wilfried M. •

Frage an Karl Bär von Wilfried M. bezüglich Bildung und Erziehung

Sehr geehrter Herr Bär,

wie beurteilen Sie den Einfluß der "Weltberatungsfirmen" bzw. Karrierenetzwerken McKinsey, Roland Berger, KPMG, Ernst& Young, BCG u.a. auf Parteien, Firmen, Gewerkschaften, Behörden und Regierungen im In- und Ausland?

Finden Sie diesen Einfluß mit den Grundsätzen eines demokratischen Rechtsstaates und einer pluralistischen Gesellschaft vereinbar?

Falls ja, so bitte ich um eine Begründung.

Mit freundlichen Grüßen
W. Meißner
Gruppe Justizkontrolle Bayern/ Scientologyabwehr Deutschland

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Antwort von
Bündnis 90/Die Grünen

Sehr geehrter Herr Meißner,

Ich beurteile den Einfluss der großen Beratungsfirmen als sehr groß, wenn auch unterschiedlich groß. Ihr Einfluss im Wirtschaftsleben ist sehr hoch, auch Regierungen beraten sie sind inzwischen so präsent und anerkannt, daß sogar Gewerkschaften und Kirchen auf ihre Dienste zurückgreifen. Ich glaube, daß meine Partei bisher weitgehend davon verschont ist und kann für die anderen nichts sagen.

Ich halte diesen Einfluss zwar für unangenehm, aber für mit einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft für vereinbar, insofern ich keine sinnvollen demokratischen Maßnahmen wüßte, die Beratung von Unternehmen, Behörden, ect. einzuschränken. Beratung ist ja erstmal etwas gutes.

Aber wir können einiges tun, um einen unbotmäßigen Einfluss einzelner Unternehmen oder Ideologien zu verhindern, indem wir eine vitale Gesellschaft und Demokratie schaffen. Ich will dazu ein paar Punkte nennen:

- Es ist ein Problem, daß innerhalb der Wirtschaftswissenschaften wenig Selbstreflexion betrieben wird und daß sich in der Volkswirtschaftslehre ein sehr starker Mainstream gebildet hat. Die Wirtschaftswissenschaften sind Sozialwissenschaften, die menschliche Systeme erforschen und beschreiben und sollten sich eigentlich entsprechend reflektieren und ihre Theorien entsprechend formulieren. Solange in der Gesellschaft und bei vielen Fachleuten selbst der Eindruck besteht, daß die Wirtschaft quasi Naturgesetzen folgt, anstatt menschengemachten Strukturen, ist Beratung von Unternehmen oder Behörden oder politischen Akteuren in wirtschaftlichen Fragen fast notwendigerweise sehr einseitig und als Entscheidungsgrundlage öffentlich oder vor Aktionären gut verteidigbar. Aber die Realität entspricht dem nicht. Hier muß bei allen Beteiligten mehr reflektiert werden.

- Wir können den Einfluss von Beratung und Lobbyisten auf die Politik auch verringern, indem wir auf allen Ebenen funktionierende Systeme für Direkte Demokratie einführen und Entscheidungen möglichst auf der untersten Ebene treffen, auf der diese Entscheidung sinnvoll getroffen werden kann.

- Es würde außerdem helfen, Macht und Arbeit auf möglichst viele Schultern zu verteilen. Das hilft, intransparente Einflußnahme auf die Politik zu verhindern. Es wäre dabei auch sehr gut, wenn alle Parteien intern ihre EntscheidungsträgerInnen und - ganz besonders wichtig - Listenplätze in transparenten und demokratischen Verfahren besetzen würden, so wie wir Grünen es tun. Darüberhinaus sollten Menschen in Machtpositionen immer mal wieder ausgewechselt werden.

- Die Geschäftsbeziehungen von Behören und Regierungsinstitutionen müssen transparent sein und es gehört ein Lobbyregister eingeführt. Transparenz hilft, die Öffentlichkeit informiert zu halten und dadurch die Politik demokratisch zu kontrollieren.

Schöne Grüße,

Karl Bär

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