DIE LINKE

Frage an Frank Spieth von Urytn Züyyre bezüglich Bürgerrechte

22. August 2005 - 16:47

Sehr geehrter Herr Spieth, danke für Ihre Antwort. Wer regiert eigentlich die Bundesrepublik?
Ich meine diese Frage ernst, weil ich gerade auf einen Artikel in der Zeit gestoßen bin, der beim kritischen Lesen vor allem de Schlusses doch fast ein Anleitung zum Umgehen von Gesetzen darstellt. Auch wenn Sie wenig Zeit haben, bitte ich Sie, den beigefügten Artikel zu lesen. Der Berater ist derselbe meines Wissens, der Herrn Bundeskanzler und auch Herrn Stoiber berät-
Freundliche Grüße von Helga Müller

DIE ZEIT

28/2003

Roland Berger, 65, in Berlin geborener Bayer, trat als studierter Betriebswirt 24-jährig in eine führende Unternehmensberatung in Boston und Mailand ein. Als 29-Jähriger gründete er die Beratungsfirma Roland Berger Strategy Consultants. Heute hat seine Firma 33 Niederlassungen in 23 Ländern. Roland Berger berät nicht nur Unternehmer, sondern auch Politiker wie Edmund Stoiber und Gerhard Schröder. Er ist Vater zweier Söhne, die ebenfalls Betriebswirte sind. Mit Beginn dieses Monats hat Roland Berger den Vorstandsvorsitz seiner Firma abgegeben. Er wird künftig den Aufsichtsrat leiten

Seit Jahren schon träume ich davon, mit den Menschen, mit denen ich lebe und arbeite, aber auch mit den Firmen, die ich berate, für eine bestimmte Zeit in eine andere Mentalität, eine andere Gefühlswelt und eine andere Kultur einzutauchen und zu sehen, was wohl passieren würde, wenn wir schließlich wieder an der Oberfläche auftauchten. Vielleicht lebten wir plötzlich leichter, unangestrengter, wären fröhlicher und gelöster, hätten eine positivere Sicht der Gegenwart und hoffnungsvollere Erwartungen für die Zukunft. Oder sollte ich als Unternehmensberater besser davon träumen, Unternehmen immer aufs Neue strategisch, organisatorisch und kreativ neu auszurichten? Aber kann ein Mentalitätswechsel gerade das nicht erheblich erleichtern?

Vermutlich träumt fast jeder Mensch davon, beruflich weiterzukommen – oder, wenn es einmal nicht gelungen ist, mit einer neuen Idee zu reüssieren. Und vielleicht vermag ein arbeitender Mensch hin und wieder Träume, die Realität und den »alltäglichen Wahnsinn« kaum auseinander zu halten. Entwürfe, Machbares und Hoffnungen fließen dann ineinander wie die Worte einer bedeutenden Rede: Am Ende des Vortrags weiß der Redner nicht, ob er nur zu sich selbst gesprochen hat oder mehr als einen Zuhörer für seine Idee gewinnen konnte. Wie ist es beim Träumen? Ist man allein mit seinem Traum? Oder gibt es viele Menschen, die unsere Träume teilen und nur darauf warten, dass sie jemand ausspricht?

Ich liebe beispielsweise die italienische Lebensart, seitdem ich als 18-Jähriger für einige Monate in diesem Land leben durfte. Zurück in Deutschland, verstand ich Goethe umso besser, der das Leben jenseits der Alpen nach seiner italienischen Reise am Ende des 18. Jahrhunderts so beschrieb:

»Die Begierde, dieses Land zu sehen, war überreif: da sie befriedigt ist, werden mir Freunde und Vaterland erst wieder recht aus dem Grunde lieb und die Rückkehr wünschenswert, ja um desto wünschenswerter, da ich mit Sicherheit empfinde, daß ich so viele Schätze nicht zu eignem Besitz und Privatgebrauch mitbringe, sondern dass sie mir und andern durchs ganze Leben zur Leitung und Fördernis dienen sollen… Alle Träume meiner Jugend seh’ ich nun lebendig.«

Auch mich haben die Art der Italiener, mit dem Leben umzugehen, ihre Fähigkeit, aus wenigen, oft armseligen Ingredienzien Unglaubliches zu zaubern, und natürlich ihre Kunst und Kultur tief berührt. Seither habe ich einen Traum: dass die Deutschen eine zweite, eine italienische Seele hätten. Italienische Seele heißt für mich Gelassenheit, Höflichkeit, Stilbewusstsein und Ästhetik, Leben mit der Kultur, Liebenswürdigkeit, Emotionalität, Fröhlichkeit und das Talent, aus Ausweglosem einen siegreichen Weg in die Zukunft zu improvisieren.

Mein »italienischer« Traum wird wohl ein Traum bleiben, denn Deutschland ist nun mal nicht mit so viel Sonne und Meer, so viel Kunstgeschichte, so viel Selbstvertrauen und Zukunftsglauben gesegnet wie die Nation am Mittelmeer. Angesichts der allgemeinen Stimmungslage in Deutschland – beeinflusst vor allem durch die miserable wirtschaftliche Lage – träumte ich davon, ein wenig von der Kunst der Italiener, mit Problemen umzugehen, auf uns zu übertragen: Die Wirtschaft funktioniert dort längst nicht nur ohne den Staat, sondern trotz des Staates. Jeder Italiener hat sich seit langem unter Freunden ein zweites und drittes Einkommen erschlossen, und der – regelmäßig späte – Arbeitsschluss bedeutet den Menschen nicht den Rückzug in die eigenen vier Wände. Vielmehr öffnen sich dann Herz und Verstand für überraschende, unterhaltsame und optimistische Feierabendgespräche in Lokalen, auf Plätzen und Straßen.

Man diskutiert in Italien Probleme öffentlich – heftig, emotional und kontrovers, aber nie unversöhnlich und ohne Ausweg – und findet das ganz normal. Bei uns redet man gleich von Weltuntergang und kapituliert, sobald die eigenen Pfründen und der gewohnte Wohlstand auch nur ansatzweise infrage gestellt werden. Italiener verleihen ihren Emotionen oft heftig Ausdruck, aber meist differenziert und stets sich selbst, Gott und der Zukunft vertrauend. Während man bei uns dazu neigt, die Entweder-oder-Frage zu stellen, finden die Italiener Zwischentöne bei so gegensätzlichen Attributen wie gut oder schlecht, kalt oder warm, unterhaltsam oder langweilig, liebevoll oder gefühlskalt. So bleibt man miteinander im Gespräch, ohne durch grundsätzliche Äußerungen die Tür zuzuschlagen. Unsere Neigung, Probleme zu versachlichen, schafft eine Kälte, die einen frieren macht und Rückwege verstellt. Ich träume von Menschen, deren Stimmung grundsätzlich besser ist als die aktuelle Lage und die eher ein Plus als ein Minus vor ihre Erwartungen an die Zukunft setzen.

Goethe beschrieb die Italiener so: »Der Mensch, der hier lebendig lebt, kann nicht irre werden… Zwänge man dem Volke den deutschen Zeiger auf, so würde man es verwirrt machen, denn der seinige ist innigst mit der Natur verwebt.« Natürlich bin auch ich ein Produkt meiner Herkunft und will nicht leugnen, dass die mir suspekte Gründlichkeit und Zukunftsangst auch mein Wesen prägt. Selbst Goethe war sich seiner deutschen Wurzeln wohl bewusst, wie dieser Satz verdeutlicht, den er aus Italien an einen Freund schrieb: »Ja, ich sehe wohl ein, dass man ein ganzes Leben studieren kann und am Ende doch noch ausrufen möchte: Jetzt seh ich, jetzt genieß ich erst.«

Aber ich träume davon, dass die Deutschen, je nach Belieben, in ihre zweite, die italienische Seele schlüpfen können. Natürlich weiß ich, dass die Italiener den Faschismus zuließen, dass sie gegenüber autokratischen Führern und mafiösen Strukturen, Schlendrian und Unzuverlässigkeit verführbar sind. Aber ich weiß auch, dass sie daraus nie die Perfektion der Exekution entwickelt haben, wie wir Deutsche in der dunkelsten Phase unserer Vergangenheit. Eben deshalb wäre es eine so wundervolle Ergänzung, wenn wir wenigstens teilweise der Unernsthaftigkeit der Italiener fähig würden und mit ihrem Hang zu kunstvollem Habitus und extravaganter Außenwirkung mithalten könnten. Mir jedenfalls ist eine professionell inszenierte Show mit bedeutungsvollen Gesten und üppiger Ausstattung lieber als langweiliges Sprech- und Disputiertheater auf nackter Bühne, in dem sich Männer gegenseitig der Ausweglosigkeit ihrer Lage versichern. Dabei denke ich an die Spitzen von Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien hierzulande gleichermaßen.

Ist denn deutsche Trübsal wirklich nur eine Folge unserer nördlicheren Geografie? Dann träume ich mir eben zur italienischen Mentalität das Wetter des Südens hinzu und dass jeder Deutsche von Boccaccio, Don Giovanni oder aus der Opera buffa lernen würde. Nämlich: Überliste die Großen (und den Staat), indem du deine Spielräume ausreizt und deinen Humor kultivierst, aber bleibe dabei anständig. Unerschrockenheit gegenüber Uniformierten und Beamten, Fantasie im Umgang mit (und im Umgehen von) Vorschriften, die individuelle und ungestrafte Interpretation von Steuergesetzen, die – buchstabengetreu umgesetzt – mehr als 100 Prozent des Einkommens enteignen würden, sowie eine ungezwungene Haltung gegenüber dem Establishment: Diese Einstellungen und Verhaltensweisen gehören zum italienischen Alltag, und ich träume, dass wir davon lernen.

Gehorsam-humorlose Nüchternheit, das so genannte preußische Pflichtbewusstsein – nicht dessen Ethos! – , konformistisches Verhalten und grenzenlose Staatsgläubigkeit, die ohnehin nur enttäuschen kann, fallen in meinem Traum in sich zusammen, schaffen Freiräume und lassen Toleranz Wirklichkeit werden. Wohin könnte das führen? Zum Beispiel zu einer folgenreichen Skepsis gegenüber allem Staatlichen, zum selbstbewussten Boykottieren unangemessen hoher Steuern, zur Missachtung unbrauchbarer Verkehrszeichen, zum Auflaufenlassen verlogener Politiker, sogar zum Schlachten heiliger Kühe (wie die Ladenschlussgesetze, alle Arten von Wettbewerbsbeschränkungen sowie der Zwang zu beruflichen Befähigungsnachweisen, sinnlosen Bauvorschriften und peniblen Genehmigungsverfahren).

Deutschland in meinem Traum: ein kritischeres, fröhlicheres, positiveres und kommunikativeres Land mit mehr Vertrauen der Menschen in sich selbst und ihre und ihres Landes Zukunft. Dafür hätte ich gern 80 Millionen Lobbyisten.

Aufgezeichnet von MARC KAYSER

Ich habe einen Traum

Frage von Urytn Züyyre
Antwort von Frank Spieth
23. August 2005 - 07:32
Zeit bis zur Antwort: 14 Stunden 45 Minuten

Sehr geehrte Frau Müller,

der Artikel steht für sich und bedarf eigentlich keiner Kommentierung. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass sich in den letzten Jahren ähnlich wie in den großen Konzernen, ein Führungsprinzip durchgesetzt hat, in dem der Vorstand, oder in der Bundespolitik der Kanzler, auf der Länderebene die Ministerpräsidenten, weitgehend alleine Politik machen und entscheiden. Der einsame Beschluss von Bundeskanzler Schröder und dem SPD-Vorsitzender Müntefering nach der 10. Landtagswahlniederlage infolge in NRW zeigt dies ganz deutlich. Die Partei wird nicht gefragt, ebenso wenig die Regierung tragenden Fraktionen. Politische Fragen werden zunehmend aus der Situation heraus ohne gründliche Meinungsbildung und aus dem Bauch entschieden.Der demokratische Willensbildungsprozeß in den Parteien findet offenkundig nur noch begrenzt statt, an Stelle dessen, werden Berater befragt, die durch nichts demokratisch legitimiert sind. Die Allparteienkoalition des Sozialabbaus im Deutschen Bundestag wird daran auch nichts wirklich ändern. Deshalb kommt es bei der Wahl darauf an, eine starkte linke Opposition in den Bundestag zu wählen.

Mit freundlichen Grüßen

Frank Spieth