Wie rechtfertigen Sie temporäre Rodungen für Windkraft, wenn die Wiederaufforstung (40–60 J.) länger dauert als der Anlagenbetrieb und die Entsorgung der Rotormaterialien ungeklärt bleibt?
Sehr geehrter Herr Özdemir, Sie schreiben in einer vorhergehenden Anfrage: "Temporär in Anspruch genommene Flächen – etwa für Baustellen oder Kranstellplätze – müssen nach Bauende wieder aufgeforstet werden." Sie wissen aber, dass viele unserer Forstbäume erst in 40-60 Jahren ihre Samenreife entwickeln und erst dann wieder die Lücken geschlossen sind. Bis dahin dürften die Windkraftanlagen spätestens soweit sein, dass sie entsorgt werden müssen. Also geht der Eingriff aufs Neue los. Zudem wissen wir heute noch nicht, wie wir diesen ganzen Materialmix an Windkraftabfall schlussendlich entsorgen. Haben Sie hierzu Ideen?
Sehr geehrter Herr O.
Zunächst ist wichtig: Jede Form der Energieversorgung bedeutet einen Eingriff in Natur und Landschaft – egal ob wir Holz verbrennen, Öl fördern, Gas fracken oder Kohle abbauen. Der entscheidende Unterschied ist jedoch: Wind- und Solarenergie verursachen im Betrieb praktisch keine Klimaschäden und im Vergleich zu fossilen Energien deutlich geringere Umweltrisiken. Es drohen keine Ölkatastrophen, keine radioaktiven Altlasten, keine großflächig verseuchten Landschaften. Dennoch bleibt es ein Eingriff – und dieser muss so gering wie möglich gehalten und rechtlich klar geregelt sein.
Zu Ihrer Frage zum Wald: Bei Windkraftstandorten handelt es sich in aller Regel um wirtschaftlich genutzten Forst, nicht um Naturwald. In solchen Wäldern werden Bäume üblicherweise nach 60 bis 150 Jahren geerntet, teils auch früher bei Sturm- oder Schädlingsschäden. Die für eine Windenergieanlage benötigte Fläche ist im Verhältnis sehr klein. Zudem gilt in Baden-Württemberg eine verbindliche Wiederaufforstungspflicht nach §9 Landeswaldgesetz. Gerodete Flächen müssen ersetzt werden – gegebenenfalls auch an anderer Stelle, sodass neue, langfristig gesicherte Waldflächen entstehen.
Zur Entsorgung der Rotorblätter: Diese ist keineswegs ungeklärt. Bereits heute werden die Materialien zerkleinert und etwa in der Zementindustrie stofflich oder energetisch verwertet. Gleichzeitig entwickeln Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer-Institut Verfahren zur Rückgewinnung der Fasermaterialien. Neue Anlagen setzen zunehmend auf besser recycelbare Werkstoffe. Windenergie ist also kein folgenloser Eingriff – aber ein im Vergleich sehr kleiner, rechtlich regulierter und teilweise kompensierter. Und sie hilft uns, die deutlich gravierenderen Schäden durch die Klimakrise zu begrenzen, die gerade unsere Wälder massiv belasten.
Beste Grüße


